SÜNDE ist ein heute leider nur zu oft verniedlichter oder ins Kultisch-Religiöse abgedrängter Begriff, bei dem es in Wirklichkeit um die schlechthin entscheidenden Fehler in unserem menschlichen Leben geht. Verniedlicht oder verkindischt ist der Begriff Sünde, wenn er sich auf Belanglosigkeiten bezieht oder auf Tatbestände, die gar nicht Inhalt der Zehn Gebote sind, wie das Naschen oder das Zanken in einer Beichte für Kinder.

Ob wir nicht zu Beurteilung, um was es beim Begriff "Sünde" geht,  den vorderorientalischen Hintergrund bedenken sollten, in dem ja die Bibel entstanden ist?

Ganz offensichtlich hat sich da in den letzten 2000 Jahren nicht viel geändert, wenn wir uns einmal ansehen, wie in den orientalischen Machogesellschaften normalerweise mit Frauen umgegangen wird. Und ob man nicht unter Sünde (im Bereich des Zwischenmenschlichen) das verstehen sollte, was frauenfeindlich ist und im Hinblick auf die Sexualität einer weiblichen Sexualität widerspricht? Und von daher brauchen wir bei näherem Hinsehen durchaus nicht verächtlich auf diese orientalischen Gesellschaften hinabzusehen - auch bei uns ist noch genug "Sünde".

Die Verlagerung von Sünde ins Religiöse lenkt von der zerstörerischen Gewalt ab, die Sünden in unserem Leben haben.

Ins Kultisch-Religiöse verschoben wird der Begriff Sünde, wenn wir uns Gewissensbisse machen sollen, weil wir gegen die Regeln einer Religion verstoßen haben, die sich im Grunde nur deren Priester ausgedacht haben, wenn wir also etwa einen angeblich verpflichtenden Gottesdienst nicht besucht, Freitags Fleisch gegessen (heute ist dieses Gebot weitgehend abgeschafft) oder am Glauben selbst gezweifelt haben. Das alles sind nicht Sünden im Sinn von wirklichem christlichen Glauben, sondern eher von den Vorstellungen in einem Götzendienst her. Bei den wirklichen Sünden verfehlen wir vielmehr unsere (natürlich diesseitige) Einheit von Leib und Seele oder diejenige anderer und beweisen damit gleichzeitig, daß wir das Anliegen der Botschaft Jesu überhaupt nicht begriffen haben.

Damit sich nun nicht jeder seinen eigenen Sündenbegriff so zurechtlegt, daß er gerade bei dem, was er selbst tut, ungeschoren davon kommt (wir sind eben alle mehr oder weniger Dünnbrettbohrer!), sind die typischen Sünden in den Zehn Geboten zusammengefasst. Zu einer Sünde im Sinn dieser Gebote gehört eigentlich immer der Zusatz: "Du sollst niemanden an seinem Leib, seiner Seele, oder in seiner Einheit von Leib und Seele `kaputtmachen'!" 

Es läßt auf den Sittenverfall auch und gerade in unserer christlichen Religion schließen, wenn alles das, was die Einheit von Leib und Seele zerstört oder beeinträchtigt, bei der Interpretation von Sünde geflissentlich ausgeklammert wird. Der Grund dafür ist vermutlich, dass Leute, die selbst im Glashaus sitzen oder besser stecken, sich lieber nicht trauen, mit Steinen zu werfen und lieber alles laufen lassen...

Sünde ist das, was die Einheit von Leib und Seele - oder eben unser Paradies - hier und jetzt zerstört.

Am ehesten kommen wir den Vorstellungen der Bibel von Sünde nahe, wenn wir uns bewusst machen, was Erwachsene Kindern an Schändlichkeiten antun können, was wir heute durchaus unter sexuellem Missbrauch verstehen. (Eine Grundschullehrerin erzählte mir, wie ausgesprochen argwöhnisch Eltern werden, wenn sie nur entfernt irgendetwas in Richtung sexuellem Missbrauch vermuten - und ich selbst weiß, wie sicher und dankbar Eltern sind, wenn sie merken, daß sie hier ohne Angst sein können...) Doch werden durch sexuellen Mißbrauch wirklich nur Kinder belastet? Machen wir uns doch nichts vor, auch Erwachsene leiden hier genauso!

So ist auch hier sündhaft auf alle Fälle das, was mit dem Mißbrauch der Sexualität zusammenhängt (siehe Gebrauch und Missbrauch), also nicht nur Vergewaltigung, sondern auch Verführung zum (insbesondere erstem) unverbindlichem Geschlechtsverkehr, zur Prostitution, zur Homosexualität und zu Perversitäten. Da sich allerdings einmal begonnenen Fehlentwicklungen oft ohnehin nicht mehr ändern lassen und da sie hier nun einmal nicht unter kultischen Gesichtspunkten gesehen werden sollen, ist es in vielen Fällen wohl eher als Schadensminderung anzusehen, wenn man eine einmal getroffene Lebensweise fortsetzt (wenn man also etwa bei einem einmal begonnenem homosexuellen Verhältnis bleibt und nicht vordergründig entsagt, um dann schließlich frische Menschen dazu zu verführen). Sünde ist dagegen allerdings auf alle Fälle, wenn die entscheidenden Lebensfragen gegenüber jungen Menschen von sogenannten nützlichen Idioten so sehr mit Tabus belegt werden, daß ihnen die Informationen fehlen für eine wirkliche Emanzipation, daß sie sich in ihrem Leben anders, nämlich zu gelungener eigener Einheit von Leib und Seele, entscheiden können. Daher ist auch Sünde von Schuld zu unterscheiden, denn schuld ist im allgemeinen immer ein anderer als der, der den Fehler begeht.

Wer an eine Bestrafung im Leben nach dem Tod wegen seiner Sünden denkt, der hat nichts begriffen.

Nach irriger und nur vermeintlich christlicher Auffassung werden wir Menschen für unsere Sünden beim Jüngsten Gericht, also nach unserem Tod, bestraft. Richtig auch in wirklich christlichem Denken ist vielmehr, daß wir unmittelbar im Moment der Sünde schon bestraft sind. So ist z.B. die unmittelbare Folge der Lüge die fortan vertane Glaubwürdigkeit eines Menschen und die Folge eines Verstoßes gegen das Gebot der Heiligkeit der Ehe die dauernde Störung der Einheit von Leib und Seele fürs ganze weitere Leben. Die Utopie des Paradieses kann man sich danach sozusagen abschminken. So wird zum Beispiel eine Enttäuschung oder ein Seitensprung kaum mehr so restlos verarbeitet, als ob nichts geschehen wäre. Sinn unseres Glaubens in der Nachfolge Jesu ist es daher, daß vor allem die jungen Menschen geistig so fit werden, daß sie von vornherein gar nicht die wirklichen Sünden begehen (siehe heiliger Geist, Erziehung). (Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)