Mit THEORIE UND PRAXIS bezeichnen wir das Verhältnis von Ideen (oder Ideologien oder auch Lebenskonzepten) und ihrer Verwirklichung. "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen", sagt Jesus und meint damit gewiss durchaus auch dieses Problem, dass einziger Beweis für die Qualität irgendwelcher bisweilen noch so großartiger Ideen nur ihr entsprechendes Funktionieren in der Wirklichkeit sein kann! Und es kommt tatsächlich ganz selten vor, dass jemand mit einer falschen Theorie in der Wirklichkeit dennoch Erfolg hat. Eines der wenigen bekannten Beispiele in den Naturwissenschaften für einen solchen Erfolg wissen wir im Zusammenhang mit den Experimenten des italienischen Physikers und Radiotechnikers Guglielmo Marconi (1874 -1937), als er um das Jahr 1900 versuchte, drahtlose Funkverbindungen zwischen Europa und Amerika zu herzustellen. Obwohl er eine falsche Theorie über die Ausbreitung der ihm dazu geeignet erscheinenden Kurzwellen hatte, klappte es trotzdem.

Nur eine gute Theorie kann auch die Basis für eine gute Praxis sein.

Doch das mit den Kurzwellen war und ist wirklich eine Ausnahme. Und so lässt auch in den Geisteswissenschaften etwa die Aussage, dass der Marxismus in der Theorie zwar gut sei, jedoch in der Praxis nicht zu verwirklichen ist, das Theorie-Praxis-Problem völlig außer acht: Denn erst in der Verwirklichung hätte sich ja beweisen können, ob diese Ideologie wirklich gut durchdacht ist.

Wenn die Verwirklichung einer Theorie in der Praxis nicht gelingt und vielleicht auch überhaupt nicht möglich ist, dann gibt es hierfür vor allem vier Fehlerursachen oder natürlich auch eine Kombination davon:

  1. Die Theorie war von vornherein falsch. Es braucht natürlich nicht immer gleich alles falsch zu sein. Das Vertrackte ist ja, dass sehr oft das meiste einer neuen (oder auch alten) Theorie sehr richtig ist. Möglicherweise fehlte es den Konstrukteuren dieser Theorien an einem zutreffenden Realitätsbewusstsein. (Ob bei genauerer Kenntnis der Zusammenhänge noch eine Korrektur möglich ist, muss sicher von Fall zu Fall entschieden werden.)

  2. Ursache und Wirkung werden verwechselt. Das ist sehr oft gar nicht einmal auffällig, weil nur gemacht wird, was schon immer Tradition ist. 

  3. Eine richtige Theorie wurde bewusst oder unbewusst verfälscht. Das geschieht besonders leicht, wenn der Entwickler dieser Theorie nicht mehr persönlich an der Verwirklichung mitarbeiten kann, weil er (längst) verstorben ist.

  4. Die Umsetzung in die Praxis erfolgt bewusst oder unbewusst nicht konsequent genug oder sogar schlampig, man macht eben nur halbe Sachen, weil eine sinnvolle Umsetzung unbequem ist. Eine beliebte Methode gerade bei unserer christlichen Botschaft ist da sozusagen die Masche "Dienst nach Vorschrift". So wird etwa mit der Wörtlichnahme alter Texte, wie der Bibel, oder dem Pochen auf irgendwelchen altehrwürdigen Dogmen, nur erreicht, dass nicht auffällt, dass am Sinn völlig vorbeigegangen wird. Siehe auch Dekadenz.

Noch ganz anders als etwas beim Marxismus gibt es das Theorie-Praxis-Problem auch bei der Umsetzung der Botschaft Jesu in die Praxis unseres Lebens.

Dabei müsste doch längst aufgefallen sein, dass die ganz offensichtlich nicht mehr funktioniert! Vermutlich sind die Ursachen dafür:

  1. das Festhalten am unwirklichen Jesus der Evangelien, also dem des Kerygmas, vor allem in der Religionspädagogik, und dass uns das Anliegen des wirklichen Jesus und seine Nachfolge überhaupt nicht mehr schert

  2. dass die im sonstigen Leben geltenden Grundsätzen der Plausibilität mit einer Ideologie von einer doppelten Wahrheit aufgegeben wurden: Üblicherweise gilt der Grundsatz, dass etwa vernünftiges Handeln nur mit geeigneter Information möglich ist, doch in der Religion arbeitet man mit Tabus, und

  3. dass die üblichen natürlichen Mechanismen nicht bedacht werden, wie sie unserer menschlichen Veranlagung nun einmal entsprechen. Eine Hinführung etwa zu einer (Sexual-)Moral über Ängste wie die (Sexual-)Scham kann gar nicht gelingen, weil solche Scham ein Verfallsprodukt von wirklicher Moral ist, auf Dauer wird es damit immer zu Sklavenmoral und Heuchelei kommen.

Dadurch haben sich dermaßen schwere Fehler in unser Theorie-Praxis-Denken eingeschlichen, dass vom vermutlich wirklichen Ziel unseres Glaubens von der Einheit von Leib und Seele nicht mehr viel übrig geblieben ist. Die Flucht in einen Glauben an ein Leben nach dem Tod lässt darauf schließen, dass eine durchgreifende Umgestaltung unseres Diesseits in der Wechselwirkung von Theorie und Praxis aufgegeben wurde.

Als Folge des gestörten Theorie-Praxis-Verhältnisses in unserer christlichen Religion muss auch das gestörte Theorie-Praxis-Verhältnis sehr vieler (wenn nicht gar der meisten) Menschen angesehen werden, wenn es um die bedeutendsten Lebensfragen geht.

Gerade junge Menschen scheinen sich sehr oft überhaupt nicht der Möglichkeit bewusst zu sein, dass ein gutes theoretisches Lebenskonzept von größtem Nutzen für die Wirklichkeit auch ihres eigenen Lebens ist. Ganz offensichtlich enthalten die auch heute noch üblichen Konzepte immer noch entscheidende irrationale Ängste fern von jeder Realität (siehe Realitätsbewusstsein), während die handfesten Natürlichen Mechanismen eher außer acht gelassen werden. Und so können solche Theorien nur von vornherein fehlerhaft sein und es werden deswegen auch Konstruktionen von sinnvolle Reihenfolgen im Umgang mit anderen Menschen blockiert, die ja immer auch etwas mit Partnerschaftsfragen zu tun haben. Zwangsläufig müssen sie folglich auch ihre Theorien bei nächster sich bietender Gelegenheit über den Haufen werfen, entweder ganz ohne Begründung (einfach mit einem "ja, aber trotzdem") oder mit dem Vorwand, Erfahrungen sammeln zu müssen. Doch sollen sie dann nicht sagen, dass Theorie und Praxis zwei verschiedene Stiefel sind - von einer vernünftigen Theorie konnte ja bei ihnen nie die Rede sein!

Eine Möglichkeit, die Einheit von Denken und Handeln, also von Theorie und Praxis, bei sich selbst wiederherzustellen, bestünde darin, wenn jeder seine Realitätsnähe hier an sich selbst testet.

Dazu ist erforderlich, dass er eigene geistige Konstruktionen auf beliebigen Gebieten in die Praxis umsetzt und so das Vertrauen zu sich selbst gewinnt, weil er erkennt, dass offensichtlich bei ihm die Fähigkeiten vorhanden sind, Dinge schon vom geistigen Vorfeld her recht einzuschätzen. Dabei ist zu beachten, dass Gefühle im Sinne von rosaroter Brille unter Umständen absolut schädlich sind, wer es darauf ankommen lässt und sich erst vom Rausch von Gefühlen leiten lässt, der macht dann ganz bestimmt alles falsch!

Für ein erfolgreiches Gesamtkonzept ist ein ständiges Wechselspiel von Theorie und Praxis unerlässlich, wir müssen einfach immer wieder in der Praxis testen, ob das, was wir uns ausgedacht haben, auch so tatsächlich funktioniert. Im allgemeinen ist nur das Funktionieren einer Theorie in der Praxis ist ein Beweis, dass sie richtig ist - oder zumindest schon einmal richtig sein kann!

Steigt etwa eine Aktie in der Weise, wie wir es uns nach unseren Informationen aus Zeitung und Fernsehen vorgestellt haben, läuft der Motor an unserem Moped nach unseren Überlegungen, gelingt eine Bewerbung mit unserer vermeintlich guten Strategie, hat eine Zuschrift an eine Zeitung den gewünschten Erfolg? Mit solchen Versuchen können wir der Gefahr vorbeugen, dass unsere Konstruktionen dünnbeinig und kopflastig werden und dann für die Praxis doch nichts hergeben. Und denken wir daran: Alles braucht seine Inkubationszeit, wir müssen alles also auch immer erst einmal innerlich eine Zeitlang verarbeiten und das auch bei anderen berücksichtigen.

So wie bei einem Hausbau dürfen wir auch hier nicht zu schnell Stockwerk auf Stockwerk hochmauern, wir müssen schon warten, bis die einzelnen Betonzwischendecken jeweils wirklich fest geworden sind.

So hilft es auch nichts, wenn wir immer nur über das Verhältnis von Scheinmoral und echter Moral diskutieren, wenn wir dabei die (Sexual-)Scham als Kennzeichen für eine Scheinmoral erkennen - und uns nie zum "Einüben" unschuldiger Nacktheit in Gegenwart geeigneter Menschen auch des anderen Geschlechts durchringen können. Denn erst die Erfahrung in der Praxis führt bei unserem konkreten Beispiel etwa zur Produktion der Enthaltsamkeits-Anti-Stress-Hormone - und nur das tatsächliche Vorhandensein dieser Hormone kann eine Immunisierung gegen die Befriedigungs-Hormone herbeiführen, zumindest soweit dies erwünscht ist, weil wir das dank entsprechender Informationen "so" wollen. Bei sinnvoller Praxis werden wir dann erstaunt feststellen, welche bisweilen ganz neuen und unerwarteten Effekte eintreten, die wir vorher gar nicht einmal erahnen konnten, ohne entsprechende Praxis wären wir darauf nie gekommen!

(Natürlich muss das Erproben immer Grenzen haben, für uns Christen bestehen diese in den Zehn Geboten, und dann gibt es darüber hinaus auch noch weitere Grenzen der Vernunft, etwa wie die, keine Drogen zu gebrauchen, deren Folgen wir ja schließlich nicht übersehen können.)

Und noch etwas: Manche Menschen haben die tollsten Ideen, können sie aber nicht in die Praxis umsetzen. Ein solcher Mensch kann für einen eine schöne Ergänzung sein, aber auch eine reine Katastrophe!

Wir kennen auch noch eine weitere Bedeutung des Problems von Theorie und Praxis aus dem Bereich der Menschenkenntnis: Es gibt da Menschen mit phantastischen und hervorragenden Ideen, nur wenn es zur Verwirklichung kommen soll, dann scheitern diese Menschen kläglich. Sie sind entweder weltferne Spinner oder sogenannte Theoretiker ohne die rechte Geschicklichkeit oder ohne Ausdauer. Ob ein bestimmter Mensch mit seinen Ideen in der Wirklichkeit klar kommt, können wir versuchsweise einmal beobachten, wenn wir ihm dafür einmal etwas Geld oder eine andere materielle Hilfe zukommen lassen (nur so viel, dass wir einen eventuellen Verlust verschmerzen können, keinesfalls deswegen Schulden machen!). Wie geht er damit um?

Ein eventueller Schaden wird durch eine noch kostbarere Erfahrung mehr als genug ausgeglichen, die uns (hoffentlich) vor Schlimmerem bewahrt.

Interessant ist auch: Wie redet sich der andere heraus, welche Rationalisierungen findet er, wenn er offensichtlich nicht klar kommt? Wir sollten solche Tests allerdings auch mit uns selbst machen!

Aber auch: Beim Radfahren ist eine Praxis sehr viel einfach als die ganze Theorie!

Erklären Sie einmal jemandem, der davon keine Ahnung hat, das Radfahren! Dabei sei auf das Gleichnis im Stichwort Nacktheit verwiesen vom König auf einer fernen Insel, auf der weder er selbst noch jemand sonst das Radfahren je selbst gesehen hat - und nur der König davon gehört hat. "Doch es scheint ihm sehr praktisch, wie man sich da selbst und dazu noch kleinere Lasten energiesparend und umweltfreundlich auf zwei Rädern fortbewegt, also möchte er es seinen Untertanen beibringen." Allerdings ist erst einmal alles Theorie. Unser König möchte nun natürlich, dass "seine Fahrschüler" auf dem Weg bleiben und sich nicht zu Tode stürzen. Da er nun von den fürs Radfahren typischen Instinkten im Hinblick auf die Balance keine Ahnung hat, glaubt er doch tatsächlich, dass es besser ist, wenn er die Lenkräder mit den Lenkern starr an den Rahmen befestigen lässt, denn dann fahren die Räder doch am einfachsten immer geradeaus und bleiben auf der vorgegebenen (geraden) Straße, auf der er seine Untertanen leiten möchte. Doch das Ergebnis: So klappt das Balancehalten beim Radfahren und damit überhaupt das Radfahren schon gar nicht und schließlich glaubt unser König sogar, dass eben in seinem Land und zu seiner Zeit die Menschen überhaupt das Gefühl fürs Radfahren nicht haben - und sie eben jetzt immer irgendwelche Stützen haben, die sie festhalten oder an die sie sich klammern können....

Und schließlich ist die Praxis doch ganz einfach! Nur man muss sie erst einmal "machen", aber eben richtig!