Fahrt mit dem chinesischen Juror für den Ulysses-Preis für die beste Reportage (Lettre Ulysses Award for the Art of Reportage) Professor Zhao Xinshan aus Shanghai durch die Mitte Deutschlands im Herbst 2004.

 

Er war ja schon einmal vor elf Jahren ein halbes Jahr bei mir und ich war bei ihm zum Jahreswechsel 1994/95 zu zwei Vorträgen in Shanghai – und was lag da näher, als dass ich sein Gastgeber  wurde für die Zeit zwischen den Gesprächen über die Preisverleihung und der Preisverleihung selbst. Als Juror findet man ihn im Internet unter http://www.lettre-ulysses-award.org/jury04/bio_zhao.html und die Entscheidung der Juroren unter http://www.lettre-ulysses-award.org/news.html - die beiden Chinesen, die über die Situationen der Bauern geschrieben haben, haben den mit 50.00 Euro dotierten Preis gewonnen!

Eigentlich wollten wir ja – nach unseren Unternehmungen hier im Rheinland, also Köln, Brühl, Rhöndorf (Adenauerhaus und Friedhof), Siegburg (Besuch des Gefängnisses), Düsseldorf (Heinehaus), Luxemburg, Zoutleew in Belgien (mit der Kirche, in der noch die mittelalterliche Ausstattung erhalten ist), nach Ostpreußen fahren, weil er ein großer Freund nicht nur Deutschlands und insbesondere Ostpreußens ist (für ihn kommen alle bedeutenden Leute aus Deutschland und eben insbesondere aus Ostpreußen), doch ich hielt bei einer Inspektion seines Passes sein Deutschlandvisum nicht mehr so recht für gültig und versuchte, ein wirklich gültiges Visum zu organisieren, und übersah dabei, dass die mehr oder weniger deutlichen Stempel in seinem Pass ja viele Deutungen zuließen, dass man es also durchaus so hätte deichseln können, dass wir doch hätten fahren können (dass er zwischendurch ja mal in China war und also keinesfalls über drei Monate in Deutschland, hatte ich irgendwie nicht mitbekommen). Doch auf der anderen Seite war mein Auto auch wieder für eine so weite Fahrt nicht ganz in Ordnung – und so bot sich eben die „Mitte Deutschlands“ an, die er auch noch nicht kannte und an der er großes Interesse hatte. Besonders wollte er nach Göttingen und zur Wartburg, und auch mal nach Weimar und Leipzig, einfach um das Kraftfeld zu sehen, woher die bedeutendsten Persönlichkeiten kamen (ja „Kraftfeld“ ist das richtige Wort, er verglich es mit einem Magnetfeld oder elektrischen Kraftfeld). Und die Gelegenheit passte ja, ich bin ja frei…

Kurz also die Stationen: Nach einem Besuch bei meiner Schwester und ihrem Mann in Neuenrade (dort bei einem Besuch von Freunden zu später Stunde Volksliedersingen, er kannte viele!) am 27. 9. Aufbruch nach Kassel: Schloß Wilhelmshöhe von außen mit dem imposanten Herkulesarrangement mit den Kaskaden, für dessen Bau der Fürst Soldaten nach England verkauft hatte, die dann im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg eingesetzt wurden. Beeindruckender für X. war dann Hannoversch-Münden, er konnte sich gar nicht einkriegen, ja, das war für ihn das typische Deutschland! Und er fotografierte und fotografierte (er war hocherfreut, als er die Filme, die er in Shanghai für 2 Euro und in München in Fotogeschäften 3 Euro zahlen musste, bei Aldi für einen Euro erhielt. Und da sein Olympus-Fotoapparat den Geist aufgegeben hatte, hatte er hier bei Real eine günstige Canon erhalten, die genau nach seinem Geschmack war…).

Nach Übernachtung bei Formule 1 in Kassel (wir hatten ausgemacht, dass ich den Sprit bezahlte und er den Rest, und natürlich sorgte ich, dass da alles günstig war, denn schließlich sind für ihn als Chinesen unsere Preise normalerweise sehr hoch – und Formule 1 fand er ganz toll, er schlief immer in dem breiten unteren Bett und ich hatte mir für das obere Bett eigene Bettsachen mitgebracht, wodurch dieses Notbett vollwertig wurde) dann nach Göttingen. Und hier war er ganz aus dem Häuschen – das wissenschaftliche Deutschland konzentriert. Nach einer 90-minütigen Stadtführung zusammen mit einem amerikanischen Berkley-Professor mit seiner Frau (na ja, für das Haus Plancks und sein Grab interessierte der sich nicht…) radelten wir mit meinen Falträdern eher spontan herum – überall an den Häusern die Tafeln von Größen, die mal hier gewohnt hatten oder auch nur waren. Auf einem alten innerstädtischen Friedhof, der heute eher Park ist, ist das Grab des Mathematikers Gauß unübersehbar (der war der, der als Achtjähriger sich bei der Aufgabe des Lehrers, die Zahlen von 1 bis 100 zu addieren, langweilte, weil er sie mit einem raffinierten Gedankengang gleich gelöst hatte, man konnte nämlich immer die niedrigste und die höchste Zahl addieren und dann die jeweils nächsten beiden Zahlen (also 1 + 100, dann 2 + 99, 3 + 98 bis schließlich 50 + 51, wobei immer 101 herauskam, und dann eben diese 101 mit der Anzahl der Additionen, also mit 50, malnehmen) und etwas weiter den Berg hinauf das Wohnhaus Plancks, wohin er sich am Ende des Krieges zurückgezogen hatte und 1947 starb. X. erzählte mir von seinem ersten Besuch in England nach dem Krieg und dass sein Schüler Max von Laue, der in Göttingen wirkte, noch vor Planck den Nobelpreis erhalten hatte, und vor allem wie dieser beim Einmarsch der Amerikaner von einem früheren Schüler, der jetzt amerikanischer General war, besucht wurde und wie dieser Schüler seine Soldaten ermahnte, ja nur leise zu sein und den Professor nicht zu stören und also nur ganz sachte bei ihm anklopfte…). Wunderbar dann der neuere Städtische Friedhof, wo besonders die Nobelpreisträger Max Planck (1858 – 1947), Max von Laue (1879 – 1960) und Otto Hahn (1879 - 1968) in einem schönen Ensemble zusammen liegen. Gleich am Eingang liegt Max Born (1882 – 1970), der jüdische Physiker („umfassende Theorie der atomaren Erscheinungen, der sogenannten Quantenmechanik“), der es in der Vertreibung aus Deutschland (er ist in Breslau geboren) nicht aushielt und trotz Einsteins Vorhaltungen 1954 wieder nach Göttingen zurückkehrte… Aber auch Einstein sprach auf dem Sterbebett seine letzten Worte deutsch, leider sind die nicht überliefert, weil die amerikanischen Krankenschwestern das nicht verstanden…

Leider hatte ich dann noch zu viel Zeit verplempert mit der Reparatur eines Platten eines unserer Falträder, so dass wir auf dem Weg nach Gotha‚ (dort Quartier bei einem Bekannten noch aus der DDR-Zeit, besonders hier war praktisch, dass wir „alles“ dabei hatten) bei der Fahrt durch Mühlhausen gerade noch eine Runde durch die Altstadt drehen konnten  - jedenfalls war X. von dieser mittelalterlichen Stadt ganz begeistert und schwärmte immer wieder von ihr, ja da müsste er noch mal hin, das ist das wirklich alte Deutschland…

Von Gotha aus machten wir einen Tagesausflug nach Eisenach - insbesondere zum Bachhaus und zur Wartburg. Während X. das Bachhaus noch ausgiebig interessierte, schön dort auch die Demonstration zeitgenössischer Musikinstrumente, sah er nach der Auffahrt zur Wartburg nur einmal kurz zum Tor hinein und wollte gleich wieder runter, wie gesagt, ihn interessierte nur die Atmosphäre, die Gegend… So auch bei der Rückfahrt nach Gotha, nur mal in den Schlosshof hineinsehen, und eh ich mich´s versah, war er schon wieder beim Auto… Doch er musste zur Altstadt noch einmal hinauf zum Schloss und durch den Schlosshof hindurch…

Nach der zweiten Nacht bei unserem Bekannten ging´s über Erfurt (ich finde, da hat sich wirklich viel getan, der Dom ist ja wunderbar und zusammen mit der Severikirche auf dem Berg ein besonders schönes Ensemble) nach Weimar, und hier wie zumeist, auch alles von außen – und das reicht doch, das schafft man mehr, und dann nach Naumburg! Selbst er fand den Eintritt in den Dom saftig (4 €), er gehört wie der Merseburger Dom einer privaten Stiftung, die ihn dann für den Kult der evangelischen Gemeinde verleiht… Ich möchte bloß mal wissen, wie weit der Steuerzahler dennoch für die Unterhaltung aufkommt…(Inzwischen, 2010, gibt es auch ein Urteil, dass  Stiftungen gar keinen Eintritt nehmen dürfen.) Aber man muss ja nun einmal in den Dom, denn die Stifterfiguren kann man nun wirklich nicht auslassen! Beim Gang zum Haus Nietzsches (in Wirklichkeit war es das seiner Mutter, die er öfter besuchte) verliebte sich X. sozusagen in diese Stadt und er schwärmte immer davon, dass wir beide ein schwer renovierungsbedürftiges Haus in der unmittelbaren Nachbarschaft kaufen, es instand setzen und dort gemeinsam wohnen würden, um unsere Studien zu treiben und uns gegenseitig zu „befruchten“ (doch meine Lösung ist eher, erst einmal nach China zu fliegen, um dort mit Studenten an einem Projekt zu arbeiten, und dann soll er wieder her kommen und wir würden in einem Wohnwagen von Freunden die ganze Tour noch einmal machen, schließlich will er ja noch einen speziellen Führer für chinesische Wissenschaftler über Deutschland schreiben). Schon bei Dunkelheit dann Leipzig, hier besonders der Markt (da wird ja toll gebaut) und der Bahnhof und dann zum Formule-1-Hotel im Norden in der Nähe der Autobahn, also ideal zur Weiterfahrt…

Und die führte über Dessau (das Bauhaus ist fast fertig renoviert), die „Lutherstadt Wittenberg“ (die Schlosskirche, also die mit den Thesen, ist ja ein preußischer Neubau, also weniger bedeutend, obwohl innen sehr schön, der Turm allerdings ist eher schauerlich, er sieht wie ein Wasserturm aus, großartig der Markt mit der hinter den Häusern aufragenden Marktkirche – und schließlich etwas weiter draußen das von Hundertwasser renovierte Gymnasium, ach ja, auch in Wittenberg viele Gedenktafeln an den Häusern, allerdings nicht so bekannte Leute außer vielleicht Werner von Siemens, meinem Freund fiel auf, dass der „Unternehmer“ auf der Tafel aus DDR-Zeiten verschwiegen wird, dabei ist doch gerade der besonders wichtig) und Potsdam (hier nur Neues Palais von außen, das „Alte“ kannte er schon von seinem Besuch mit einer chinesischen Delegation vor 15 Jahren, also zu DDR-Zeiten) nach Berlin. Für ihn war hier im Hotel Savoy am Bahnhof Zoo ein Zimmer gebucht (wir überlegten, ob wir mit Hilfe unserer Bettsachen nicht aus dem Einzelzimmer ein Zweierzimmer machen konnten, in China wäre das das Normale, doch ich zog es vor, zu meinen Freunden zu ziehen…).

Ein wenig reparierte ich Samstagvormittag (2. Oktober 2004) mein Auto und ersetzte einen Motordämpfer (es gelang sogar mit dem bei mir vorhanden Werkzeug und einigen kleinen Holzstücken von einer Baustelle) und abends ging´s dann zur Preisverleihung in einem Zelt in der Nähe des Bundeskanzleramtes. Und nicht nur ich war geladen, ich konnte auch meine Berliner-Uraltfreundin (wir kennen uns seit 30 Jahren, also aus Ostzeiten, vom Strand in Agigea am Schwarzen Meer her und die Verbindung ist nie abgebrochen, wir hatten übrigens immer vom „Tag X“ geredet) mitbringen. Alles ganz toll, leider die Vorträge auf Englisch bzw. einer auf Französisch – und mit der Zeit kriegt man dann doch nicht so alles mit… Immerhin wusste ich von X. ja den Knüller: Wegen seiner Reportage über die erbärmliche Situation der 900 Millionen chinesischer Bauern, auf ihrem Rücken findet ja der ganze Boom statt, kam das chinesische Schriftstellerpaar schließlich vor Gericht, doch die „Sache“ nahm eine glückliche Wendung: Auf der eines Seite als Ankläger zwei einsame arme Staatsbeamte und in der Mitte die Richter und auf der anderen Seite das Schriftstellerpaar plus 500 Bauern! Und das Schriftstellerpaar hatte gewonnen und wurde von den Richtern schließlich beglückwünscht! Ein Dammbruch im totalitären China auf dem Weg zum Rechtsstaat und zur Demokratie!

Schließlich war auch nicht nur das Arrangement des Abends eindrucksvoll, auch das Essen (ganz phantastisch!) und der Wein (leider musste und wollte ich noch Auto fahren – die richtigen Gespräche ergaben sich erst nach Mitternacht, so etwa mit einem freien Redakteur oder Filmproduzenten (?) – siehe etwa sein Interview über die Situation in Athen nach den Olympischen Spielen http://www.tagesspiegel.de/kultur/index.asp?gotos=http://archiv.tagesspiegel.de/toolbox-neu.php?ran=on&url=http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/07.08.2004/1283500.asp#). Einig war ich mir mit ihm, dass das Ambiente des Festakts nicht ganz zu den dargestellten Reportagen passte, ja dass das Ganze schon eine bisschen pervers ist: Auf der einen Seite die schaurigen Darstellungen über Gewalt und Not, denn es ging in allen vorgestellten Reportagen eigentlich darum - und hier jetzt der Luxus. Heiner Müller hatte ja einmal kritisiert, wie gerade die Not der Menschen als Hintergrund erst recht die Stimmung auf einem solchen Fest hebt... (oder so ähnlich). Natürlich kommt mir in den Sinn, mal etwas zu machen, damit den Festgästen das Lachen vergeht...

Am Sonntagnachmittag radelte ich wieder mit X., der jetzt von allem „befreit“ war, alles Offizielle war ja erledigt – diesmal eben durch Berlin. Ich hatte den Bendlerblock (Gebäude des Oberkommandos der Wehrmacht, wo der Widerstand der Generäle gegen organisiert wurde und u.a. Stauffenberg nach dem Misslingen erschossen wurde) ausgesucht und schließlich eine Fahrt über Potsdamer Platz, Brandenburger Tor, Unter den Linden, Gendarmenmarkt, Museumsinsel, Reichstagsgebäude, es sieht ja von Mal zu Mal alles besser aus… Den Abend verbrachten wir bei meinen Freunden in Marzahn, so konnte er mal eine renovierte Plattenbauwohnung („alles dasselbe wie in Shanghai und Moskau“) von innen sehen, er war erstaunt, wie groß sie wirkte, obwohl sie eigentlich kleiner war als seine neue Shanghaier Wohnung (die er sich jetzt leisten konnte nicht nur, weil Wissenschaftler in China jetzt besser bezahlt werden sondern auch nach dem Erfolg seines letzten Buchs „Hitler und die Kunst“, seine früheren , Etwa „Der Geist Beethovens“ hatten sich nicht so gut verkauft…).

Montagmittag holte ich ihn in seinem Hotel Savoy in der Nähe der Bahnofs Zoo zur „Heimreise“ ab (er war über die Rechnung erstaunt für "seinen Anteil", denn die Übernachtung bezahlte ja die Organisation. Auf ihn entfielen die Telefongebühren - o.k. - und Gebühren für "Medien", also zweimal 11,50 Euro - er hatte an zwei Tagen mal kurz den Fernseher eingeschaltet - ganz schön unverschämt...). Für die restlichen beiden Tagen hatte vorgeschlagen, ihn bis Hannover mitzunehmen, wo er dann am 6. Oktober den ICE nach Frankfurt zum Flughafen nehmen konnte, um am Abend weiter nach Shanghai zu fliegen und er fand die Idee besser als seine, nämlich direkt nach Frankfurt zu fahren und dort noch zwei Nächte in einem teuren Hotel zu verbringen – allerdings war er verärgert, dass er im Berliner Savoy zweimal jeweils 11,50 Euro für Medienbenutzung bezahlen musste, bloß weil er mal kurz den Fernseher eingeschaltet hatte, bei Formule 1 kriegt man für den doppelten Preis gleich das ganze Zimmer – inklusive Fernsehen. Über Brandenburg (immerhin wird dort die letzte der im Kriege zerstörten alten Kirchen wieder aufgebaut, Leute erzählten uns, dass sie daran nicht mehr geglaubt hätten – wir bestaunten gerade den neuen Dachstuhl) fuhren wir nach Magdeburg, immerhin fanden wir dort vor unserer Übernachtung bei Formule 1 noch erhaltene Teile der Stadt, sehr schön…

Und dam letzten kompletten Tag dann Halberstadt (die wichtigsten Kirchen waren dank privater Initiative bald nach dem Krieg trotz Hunger und Not instand gesetzt worden, ansonsten ist die Stadt zu 80 % zerstört buchstäblich ein paar Tage vor Kriegsende und ansonsten zu DDR-Zeiten in dem typischen hässlichen Stil wieder aufgebaut worden), Wernigerode (unzerstört und wunderbar, für mich ist interessant, dass die Kirchen in dieser alten Stadt eher unbedeutend sind, das Geld war hier offenbar schon immer wichtiger), Goslar (diese vollkommen erhaltene Stadt hat es X. besonders angetan, Goslar ist ja auch wirklich wunderbar – auch ich war übrigens in den letzten drei Städten zum ersten Mal) und schon bei Dunkelheit sozusagen bei der Durchfahrt Hildesheim – mit St. Michaelkirche (sie war wenigstens angeleuchtet – beeindruckend die beiden „kubischen“ Aufbauten auf den beiden Vierungen der romanischen Kirche) und Dom (alles ziemlich dunkel, doch die Umgebung sehr stimmungsvoll).

Nach einer letzten Nacht im Hannoveraner Formule 1 – ich habe ja das Verzeichnis der Hotels und konnte so einfach buchen – fuhren wir eine Autobahnausfahrt weiter doch noch nach Ostpreußen, nämlich zu der 96-jährigen Witwe des Klassenkameraden meines Vaters, Professor Janz, hier ein Teil seiner Biografie unter http://www.people.freenet.de/braunsberg/profjanz.htm. Und ein wenig hat er sich auch mit ihr unterhalten – und war über ihre geistige Frische und ihren Realitätssinn begeistert. Sie hatte uns angeboten, uns in der Bibliothek ihres Mannes umzusehen, was wir haben wollten, doch ließ sie sich unsere Auswahl zeigen und überlegte bei jedem einzelnen Buch, ob sie es nicht doch noch selbst brauchte… Dass wir Kaffe bzw. Tee bekamen, war selbstverständlich und eigentlich hätten wir auch noch frühstücken können, der Tisch war nach meiner telefonischen Anmeldung schon gedeckt, doch wir hatten ja nun schon unser typisches Zimmerfrühstück mit Tauchsiedertee gerade hinter uns…

Das war´s also! Insgesamt waren es auch bei unserer Fahrt über 2000 km, man staunt, was so in ein paar Tagen nur ein wenig kreuz und quer durch Deutschland zusammenkommt!

Ich bin gespannt, wie es weiter geht, ob X. etwa etwas an einer Hochschule in Shanghai arrangieren kann, also etwas anders und intensiver als etwas die Vorträge vor der Akademie für Sozialwissenschaften (siehe Reisebericht "Shanghai 1994"). Mir schwebt vor ein Seminar oder etwas vor Studenten der Pädagogik und mit ein paar von ihnen ein Projekt mit chinesischen Kindern. Gerade in China gibt es ja im Hinblick auf meine Themen erheblichen Handlungsbedarf und nicht zuletzt geht es ja um mehr als nur um ein paar zwischenmenschliche Verhaltensweisen. Wenn der Ansatz bei jungen Leuten richtig ist, läuft vieles dann vielleicht von ganz alleine – auf dem Weg zur Demokratie und wirklicher Emanzipation der Menschen. Und was ich will, passt ja eigentlich sogar zum Marxismus, nicht zuletzt habe ich die Religionskritik nach Karl Marx voll akzeptiert und eingebaut, denn diese hat nun wirklich ihre Berechtigung und trifft ja nur ein dekadentes Christentum und nicht die Lehre des wirklichen Jesus (wenn man etwa den Sklaven die Entschädigung für ihre Plackerei in einem Leben nach dem Tode verspricht, wenn sie hier und jetzt ihre Ausbeutung brav ertragen haben). Und was bei Kindern in einem Land funktioniert, dürfte ja auch bei Kindern woanders funktionieren, denn bei Kindern spielt die Prägung durch Kultur ja noch keine so große Rolle….

Anmerkung: Eigentlich bin ich erstaunt, wie wenig in der Presse von dem Ereignis der Preisverleihung Notiz genommen wird, lediglich in der WELT vom 4. Oktober 2004 fanden wir eine kurze Notiz, die aber nicht viel aussagt. Wenn ich bedenke, dass in China in einem öffentlichen Prozess die Bauern und ihre Verteidiger gegen die Staatsgewalt "gewonnen" haben und dass das ein Dammbruch für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie ist, dann ist solche Zurückhaltung der Presse schon sehr verwunderlich, von dem Prozess etwa ist keine Rede. Wenn man bedenkt, welche Belanglosigkeiten sonst so breitgetreten werden....  Wem passt diese Veränderung in China denn nun wieder nicht in den Kram?

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