UNTERSTELLUNGEN ohne genügende Beweise und ohne wirklich ehrliches und freies Eingeständnis dessen, dem man da etwas unterstellt, sind ein höchst problematisches Mittel der Menschenkenntnis.

Denn entweder man liegt damit richtig oder man kann damit auch eine sogenannte "selbsterfüllende Prophezeiung" (siehe selffulfilling prophecy) provozieren - der andere tut oder wird genau das, was man ihm unterstellt, selbst wenn dies im Grunde absolut weit hergeholt ist.

Es ist dann so ähnlich wie mit dem "Andorranischen Juden" von Max Frisch: Ein Findelkind wird in diesem Drama für einen Juden gehalten und es zeigen sich bei ihm auch alle vermeintlich typisch jüdischen Eigenschaften wie Geschäftssinn und Mißtrauen gegenüber seiner Umwelt. Bald nachdem er schließlich umgebracht wurde, stellt sich jedoch heraus, daß er gar kein Jude war, er war es einfach geworden, weil man es ihm unterstellt hatte.

Wenn so die Religionen die Menschen für sündhaft und verdorben halten, wenn Erwachsene junge Menschen für unmoralisch, wenn Frauen Männer für "nur auf das eine aus", wenn Männer Frauen - insbesondere Blondinen - für dumm und gefühlsgesteuert halten (siehe Blondinenwitze), dann werden sie alle irgendwann einmal dieses Vorurteil genau erfüllen. Es bleibt ihnen ja gar nichts anderes übrig, sie würden als anomal gelten, man könnte gar nichts mit ihnen anfangen, wenn sie anders wären, sie haben ja gar keine Chancen, anders zu sein, es würde ihnen nichts bringen.

Eine der Ursachen für die Bestätigung aller solcher Unterstellungen in der Praxis ist, daß man sich gar nicht erst die Mühe gibt, richtig sachlich zu überprüfen, woran es nun wirklich liegt, daß andere sündhaft, verdorben, verantwortungslos, unmoralisch und dumm sind. Man weiß es ja. Und so kommt man auch gar nicht auf die Idee, taugliche Mittel und Wege zu suchen, um Konzepte zu entwickeln und in die Wirklichkeit umzusetzen, um etwas zu ändern.

Außerdem: Unterstellungen stimmen immer! Wenn sie nicht bei einem selbst stimmen (was man ja weiß!), dann weiß man wenigstens, daß sie bei dem anderen stimmen: Der andere schließt ganz offensichtlich von sich auf andere und kann sich gar nicht vorstellen, daß andere anders oder auch aus anderen Motivationen handeln als er selbst. Siehe Projektion!

Das alles führt natürlich im Endeffekt dazu, daß der Teufelskreislauf von Täter und Opfer immer munter und ungestört weiter läuft.

Anmerkung: Die hier dargestellte Methode der Wahrheitsfindung gilt nur für ganz grundsätzliche Einstellungen (wie eben im Zusammenhang mit der Geldgier beim andorranischen Juden) und nicht als Wahrheitsorakel für einzelne Vorkommnisse! Ich kann also nicht hingehen und sagen: "Da ich an dem und dem Abend bei meiner Unternehmung ein reines Gewissen habe und mein Partner mir das nicht abnimmt, muß er wohl selbst ein entsprechendes Erlebnis an dem betreffenden Abend gehabt haben..." Allerdings dürfte das "Nicht-glauben-Können", daß ich die Wahrheit sage, auf eine allgemeine Unstimmigkeit hinweisen: Hat der Partner vielleicht bei mir oder bei anderen Männern die Erfahrung, daß Männer "in solchen Dingen" - und nicht nur in diesen - grundsätzlich nie die Wahrheit sagen oder schließt er eben von sich auf andere? Um hier zur Klarheit zu kommen, empfiehlt sich ein Gespräch (etwa nach der Torero-Methode), aber bitte nicht zwangsweise! Zu bedenken bei der ganzen Thematik ist natürlich auch, daß Ursache für die Schwierigkeiten meine eigene überspannte Eifersucht sein kann: Ich will den anderen einfach in unakzeptabler Weise besitzen und nehme ihm schließlich sogar die Luft zum Leben und damit reagiert der andere mit Heimlichkeiten. Leider rächen sich bei alldem auch immer ganz uralte Erfahrungen, die mit anderen Partnern schon lange zurückliegen und eigentlich gar nicht mehr wahr sind. Doch da - zumindest im allgemeinen - wir alle nicht frei sind von solchen Erfahrungen, dürfen wir gerechterweise dem anderen seine Geschichte nicht vorhalten und nachtragen, ihn trifft doch genauso wenig eine wirkliche Schuld wie einem selbst. Ein schönes Zeichen der Aufarbeitung ist, wenn der andere sich bei (eigenen) Kindern dafür einsetzt, daß diese in einer sinnvollen Kindererziehung das "Geeignete" erfahren, damit sie ihr Leben anders gestalten können. Hier zeigt sich doch eine wirkliche Einstellung!

Wie unter dem Etikett des "neutralen Wissens" von der der ganzen Thematik abgelenkt und anderen die eigenen Probleme unterstellt werden, siehe unter Wikipedia.

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)