VERLORENER SOHN.

Im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15, 11-32) erzählt uns Jesus von einem Sohn, der sich sein Erbe auszahlen lässt, in ein fernes Land zieht, das Geld dort verprasst und mit Prostituierten durchbringt, bei einer Hungersnot reumütig in sein Vaterhaus zurück kehrt - und vom Vater, sehr zum Leidwesen des älteren Bruders, der immer treu und brav dem Vater gedient hatte, auch noch sehnsüchtig und schließlich auch freudig empfangen wird. 

Üblicherweise wird diese Erzählung nun als Gleichnis gesehen für die Vatergüte Gottes, der dem reuigen Sünder verzeiht. Doch ob diese Quintessenz nicht zu einfach ist? Nicht zuletzt gibt es ja auch das Evangelium von den fünf törichten und den fünf klugen Jungfrauen (Matth. 25, 1-13), und den törichten verzeiht der Bräutigam nicht, obwohl es sich bei deren Fehler doch nur um eine Lappalie handelte (sie hatten vergessen, rechtzeitig Öl für ihre Lampen zu kaufen)? Vielleicht hilft das bei Matthäus unmittelbar auf dieses Gleichnis folgende Gleichnis vom Mann weiter, der vor einer Reise in ein fernes Land seinen Knechten unterschiedliche Geldsummen (Talente) anvertraut, die sie dann in seiner Abwesenheit nutzen - oder auch nicht. Und nach seiner Rückkehr lobt der Mann die beiden Knechte, die mit den Talenten etwas gemacht haben, und er verurteilt den Knecht, der aus Angst, etwas falsch zu machen, das ihm anvertraute Talent vergraben hatte. 

Die Lösung des Rätsels, warum in dem Gleichnis vom verlorenen Sohn der Vater mit diesem nicht nur gerade so milde umgeht sondern sogar noch ein Festessen veranstaltet, könnte also durchaus eine grundsätzlich positive Einstellung Jesu gegenüber demjenigen sein, der gegen die übliche Bravheit und Angepasstheit (oder sogar Spießigkeit?) aufbegehrt und sich etwas traut - und selbst wenn das auch etwas offensichtlich Verwerfliches ist und schließlich schief geht. Immerhin muss ja nicht alles schlecht gewesen sein, was dieser "verlorene Sohn" in dem fernen Land angestellt hatte, denn  zum wirklichen Desaster kam es ja erst, als eine Hungersnot ausbrach, als also irgendwie eine unvorhergesehene Wirtschaftskrise kam.

Wäre Jesus nach dieser Deutung aber nicht ungerecht? Und warum hören wir üblicherweise nicht diese Deutung?

Die Lösung: Keine Gesellschaft oder kein System hat es gern, wenn Menschen gegen das, was üblich ist, aufmucken, selbst wenn das schließlich gar nicht mehr gut ist.  Wir müssen nicht bei anderen Kulturen anfangen, in denen etwa die Verhältnisse der Frauen unerträglich scheinen, bei näherem Hinsehen ist es bei uns doch nicht viel anders. Schauen Sie sich doch einmal die Texte in den Fenstern auch dieses Stichworts an,  das, auf was da hingewiesen wird, ist doch eigentlich unerträglich. Ja, und auf welcher Seite hätte denn Jesus gestanden, wenn er davon gewusst hätte? Die Lösung ist doch ziemlich einfach, auch er hätte gewiss rebelliert und die Rebellen unterstützt, Jesus sah sich also sogar vermutlich selbst in dem verlorenen Sohn.

Und wer ist dann der brave, der angepasste, der  treu arbeitende Sohn? 

Der englische Computer-Technologe und post-graduate Theologe Mark Gibbs sieht in seinem Erstlingswerk "Die Jungfrau und der Priester" (Verlag www.novumpro.com, 2010) sozusagen eine Konkurrenz zwischen Jesus und Johannes dem Täufer (er sieht die beiden als Halbbrüder). Und Johannes ist nicht, wie die Bibel ihn sieht, einfach nur der Vorläufer Jesu, sondern der brave, der angepasste Bußprediger, der zu einer Umkehr im Sinne der damals offiziellen jüdischen Religion, also auch der Pharisäer und Schriftgelehrten, aufruft.  Und Jesus ist derjenige, der nach einem Leben als Fresser und Säufer (siehe Matth. 11,9 und Luk. 7,34) und mit Huren (so etwas ist schnell erzählt, wenn jemand nicht den Vorstellungen eines angepassten Gutmenschen entspricht - ob etwas dran ist, ist dann gar nicht mehr wichtig und soll auch hier nicht wichtig sein) gleich das ganze frömmlerische und letztlich doch kaputte System verändern will. 

Gibbs kommt zwar nicht auf eine andere Bibelstelle zu sprechen, nämlich auf die von den beiden Söhnen, wo der eine zu der Anweisung des Vaters, in den Weinberg zu gehen, zwar "nein" sagt, schließlich aber doch geht, also Matthäus 21, 28ff: "Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Sohn, geh und arbeite heute im Weinberg! Er antwortete: Ja, Herr!, ging aber nicht. Da wandte er sich an den zweiten Sohn und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn und er ging doch. Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der zweite. Da sagte Jesus zu ihnen: Amen, das sage ich euch: Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr." Hier spricht Jesus den Bezug zu Johannes direkt an: "Denn Johannes ist gekommen, um euch den Weg der Gerechtigkeit zu zeigen, und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt."

Jedenfalls ist auch hier derselbe Tenor: Es kommt nicht darauf an, was einer sagt, sondern was einer macht. Und der zweite Sohn sah schließlich die Notwendigkeit, dass im Weinberg etwas gemacht werden musste - und er machte es, wenn ihm ganz offensichtlich auch nicht danach war und er das auch zuerst ablehnte.

Auch bei dieser Stelle könnte Jesus sich selbst gemeint haben - mit dem zunächst ungehorsamen Sohn, der aber dann doch seine Arbeit tut.

Und wenn man nun diese beiden Gleichnisse verbindet, dann könnte die Biografie Jesu etwa die sein: Er war also zunächst einmal so wie der verlorene Sohn, war ein Säufer und Fresser und trieb sich mit Dirnen herum. Doch irgendwann sah er das menschliche Elend hinter allem, besonders was ihm so die Frauen erzählten, und er merkte auch, wie die damalige Kirche, also die Priester und die Schriftgelehrten überhaupt kein Interesse an einer Änderung hatten - und er engagierte sich,  wie eben der zweite Sohn im Weinberg nach dem Motto: Es muss einfach etwas gemacht werden!

Auf was er dann kam, war nicht nur für die damalige Zeit eher unmöglich, so stellte sich nun niemand eine Religion vor. Ob es nicht eher so etwas wie eine Jugendreligion war, wie wir heute vielleicht sagen würden?

Jedenfalls passt zu diesem Jesus dann auch der Ansatz des Konzepts basisreligion.