Das Problem der VERANTWORTUNG oder der VERANTWORTLICHKEIT ist letztlich das der Einmischung oder auch der Toleranz. Wie weit darf ich mich in  Angelegenheiten, die mich eigentlich nichts angehen, einmischen, wie weit muß ich es sogar, wieweit muß ich tolerant sein?

Zweifelsohne ist das Reich Gottes oder das Paradies nur zu erreichen, wenn sich Menschen für ihre Mitmenschen verantwortlich fühlen und dies auch in die Praxis umsetzen, wenn sie sich also einmischen.

Unsere Hilfe ist daher ganz gewiß angebracht und notwendig, wenn Menschen offensichtlich Schaden an ihrem Leib oder an ihrer Seele nehmen. Während nun "Schaden am Leib" ja noch einigermaßen klar ist, werden wir unsicher, was mit "Schaden an der Seele" alles gemeint ist. Und wie sieht das aus, wenn es um eine Vorbeugung geht? Denn schließlich muß das Kind ja nicht erst in den Brunnen gefallen sein!

Aus einer Schülerin platzte es einmal heraus, als ich auf das Problem der Verantwortlichkeit zu sprechen kam: "Das ist doch das Problem, gerade für die wichtigsten Dinge im Leben der jungen Menschen fühlt sich niemand verantwortlich!"

Doch wo sollen, wo dürfen, ja wo müssen wir uns einmischen?

Als Regeln könnten wir vielleicht die für die so genannten "gerechten Kriege" abwandeln (siehe unter http://www.jahrbuch2001.studien-von-zeitfragen.net/Zeitfragen/Kriegsfragen/Gerechter%20Krieg/gerechter_krieg.HTM) :

1. Unser Einsatz muß einen gerechten Grund haben. Der einzige traditionelle Grund eines gerechten Krieges ist die Notwehr. Und bei unserem Anliegen heißt das, dass es um die Abwehr von Schaden gehen muss. Vor allem darf auch der Schaden, den wir anrichten, nicht größer sein als der, den wir verhindern wollen.

2. Im Grunde ist für einen Einsatz nur eine legitime Autorität befugt. Was ist, wenn diese ganz offensichtlich versagt? Uns bleibt also nur übrig, eine neue legitime Autorität zu schaffen, etwa eine neue Gemeinde, wie aber Menschen von anderen Vorstellungen überzeugen?

3. Drittens: Unsere Entscheidung, etwas zu unternehmen, muß mit einer rechten Absicht getroffen werden. "Diese muß die Absicht sein, den Frieden zu fördern oder wiederherzustellen. Jede andere Absicht, z.B. Rache, Herrschaft, wirtschaftlicher Gewinn usw., ist falsch."

4. Irgendwelche "Gewaltmaßnahmen", in unserem Fall also der Ruf nach Behörden usw. dürfen nur das letzte Mittel sein. Sind alle anderen "nicht-militärischen" alternativen Mittel ausgeschöpft? Solange "politische Mittel" zur friedlichen Lösung noch bestehen, z.B. Diskussion, kann kein eigenes Eingreifen gerechtfertigt werden.

5. Unser Engagement muß eine vernünftige Hoffnung auf Erfolg haben. Wenn es keine ausreichend hohe Wahrscheinlichkeit gibt, daß das gerechte Ziel erreicht wird, ist es unmoralisch, Zerstörung und Vernichtung zu verursachen. Ein aussichtsloser Widerstand ist nicht gerecht. Außerdem muß man, um die Aussichten auf Erfolg einschätzen zu können, zuerst einmal eine klare, konkrete Vorstellung davon haben, worin der Erfolg bestehen sollte.

Sicher gibt es noch andere Gebiete der Seele, auf denen man Schaden leiden kann, außer der Sexualität, doch wegen der Schlüsselstellung bietet sich dieses Gebiet an.

Die Schwierigkeit ist, daß wir gerade hier, wo ein Fehlverhalten eigentlich immer einen seelischen Schaden zur Folge hat, heute sehr kopfscheu geworden sind. Zu Recht befürchten wir, Sexualängste bei jungen Menschen zu erzeugen, die alles nur noch viel schlimmer machen. Doch wenn wir gar nichts tun, kann es geschehen, daß seelisch gesunde Menschen, die sinnvoll helfen könnten, das Feld seelisch kranken Menschen überlassen, die dann im üblichen Täter-und-Opfer-Kreislauf erst recht das Unheil anrichten. Daher muß etwas geschehen!

Als kurze Regel hierfür kann wohl gelten: Alles, was mit Information zu tun hat und damit das Realitätsbewußtsein und die sinnvolle Furcht eines Menschen fördert, ist zu befürworten, und alles, was das Realitätsbewußtsein verdirbt und (irrationale) Ängste und Zwänge erzeugt oder vermehrt oder nicht abbaut, ist zu verurteilen. Hierfür drei Beispiele:

  1. Ein junges Mädchen wird von ihrer Tante gewarnt, in der elterlichen Wohnung nackt herumzulaufen, wie es das gewohnt ist, weil der Vater unter Umständen gereizt werden könnte, ein Mitschnacker zu werden und sich an seiner Tochter zu vergehen. - Dies ist eine Einmischung, die das Vertrauen des Mädchens zum Vater untergräbt und vermutlich sinnlose Sexualängste erzeugt. Sinnvoll wäre vielleicht gewesen, dem Mädchen zu sagen, daß die Gefahr einer "Mitschnackerei" immer und überall besteht, doch daß es etwas Wundervolles ist, in einer heilen Familie zu leben, wo man tatsächlich nackt sein kann, und daß es nie und nimmer etwas tun sollte, diese Harmonie zu zerstören. Um dem Mädchen konkrete Anhaltspunkte zu geben, woran es erkennen könnte, wer Mitschnacker ist, hätte die Tante ihm Menschenkenntnis beibringen müssen, die es dann selbständig hätte auf die eigene Situation anwenden müssen. Doch dazu war die Tante jedoch nicht fähig, ganz offensichtlich hatte sie selbst Probleme.

  2. Beim gemeinsamen Mittagessen in einer Kantine sagt ein älterer Kollege seiner jungen Kollegin: "Fräulein X., wenn Sie einmal jemand vergewaltigen will, dann müssen Sie den richtig fest gegen die Genitalien hauen, dann vergißt der sein Vorhaben schon von alleine!" - Hierbei handelt es sich um eine sinnvolle Information, bei der niemand sinnlos verdächtigt wird und die nur denjenigen trifft, der wirklich Probleme bringt. Vermutlich ist allerdings notwendig, daß das Mädchen bereits im Sinn einer rationalen Furcht mit der Sexualität umzugehen gelernt hat, ansonsten wird sie vielleicht nichts mit dieser zwar derben, im Grunde jedoch brauchbaren Verteidigungsstrategie anfangen können und sogar noch das Gegenteil daraus erkennen.

  3. Ein Mädchen (11 Jahre, Halbwaise) macht eine Ferienfahrt mit Freunden (männlich und weiblich) der Mutter und einer Tante. Unterwegs ergibt sich die Situation, mit einem der Freunde, der mit dem Kind schon vorher über den Unterschied von sinnlosen Ängsten und sinnvoller Furcht und über die Probleme der Menschenkenntnis gesprochen hatte, nackt zu baden. Obwohl das auch alles mit der Tante abgesprochen war, gerät diese in der Situation der Verwirklichung in Panik und bricht die Reise zusammen mit dem Kind ab. Als Folge gehen auch die Beziehungen des Kindes und der Mutter mit den Freunden in die Brüche, da die Mutter das Geschehene - wohl wegen eigener Probleme - nicht aufarbeiten will. - Die Tante hätte Gelegenheit gehabt, alles zu beobachten. Und daß sie das nicht konnte, ist ein Zeichen für eigene Sexualängste und -probleme (sie hatte sich von ihrem Mann scheiden lassen, die eigene Tochter fing schon mit dreizehn Jahren Intimfreundschaften an, ein Zeichen dafür, daß die Tante schon einmal einen Menschen zu Ängsten und nicht zu Furcht erzogen hatte).  

Die genannten Beispiele lassen den Schluß zu, daß es sinnlos ist, aus einer tatsächlichen oder vermeintlichen Verantwortlichkeit heraus nur gerade einzelne Ratschläge zu geben, die unter Umständen mit dem Gesamtkonzept, das einem jungen Menschen geläufig ist, nicht in Einklang stehen. Die derzeit vorherrschende Lehrmeinung ist, daß für solche Gesamtkonzepte, in denen es schließlich auch um das Glück der Einheit von Leib und Seele geht, in erster Linie die Eltern eines jungen Menschen infrage kämen, weil sie die Kinder am besten kennten und weil sie so eine Art Erziehungsrecht hätten, was auch immer darunter zu verstehen ist.

Für sittliche Werte ist ja an und für sich unser christlicher Glaube zuständig, jedenfalls wenn die, die ihn verkündigen, in der Nachfolge Jesu stehen!

Gegen die Lehrmeinung, daß nur die Eltern zuständig und verantwortlich sind, spricht zudem, daß Außenstehende wie Lehrer und Priester einerseits im allgemeinen den besseren Überblick aufgrund ihrer größeren pädagogischen Ausbildung und Erfahrung haben, und daß andererseits Eltern erfahrungsgemäß stets die Fähigkeit ihrer Kinder, Gesamtzusammenhänge in diesen Fragen zu begreifen, unterschätzen. Eltern pflegen da Kinder vermutlich immer für zu wenig reif zu halten, was möglicherweise daran liegt, daß sie sich selbst geeignete Zugangswege zum Denken ihrer Kinder ungeschickt zuschütten.

Und möglicherweise ist es sogar genetisch bedingt, daß sich Außenstehende über das alles besser mit einer Gemeinschaft von Kindern unterhalten können als die jeweiligen eigenen Eltern. Denn durch eine entsprechende sinnvolle genetische Veranlagung könnte es die Natur durchaus verhindern, daß einzelne Kinder einen Informationsvorsprung oder auch einen Informationsnachteil erhalten, weil ihre Eltern eben besonders gut oder besonders schlecht in ihrer Erziehung waren. Das wäre für die Kinder gewiß in jedem Fall eher stets von Nachteil, denn solche Kinder würden dann nicht mehr so recht in die Gemeinschaft passen, sie würden sozusagen Außenseiter und damit asozial werden. Vermutlich funktioniert daher eine Änderung der Erziehung (auch hin zum Positiven) nur innerhalb einer Gemeinschaft, zumal dann damit auch ein (positiver) Gruppeneffekt gegeben ist. Wohl nicht umsonst liegt daher in vielen Kulturen die Verantwortlichkeit für die Hinführung junger Menschen zu den jeweils üblichen Lebensvorstellungen gerade auf den Gebieten der Moral in den Händen von Außenstehenden (sogenannter Schamanen).

Wenn das Salz seine Kraft verliert, womit soll es dann selber gesalzen werden?

Wenn auch leider heutzutage viele Menschen innerhalb der Kirche ihre Verantwortlichkeit für die Einheit von Leib und Seele der Menschen nicht so recht sehen, so werden sich doch einzelne Menschen dadurch nicht abschrecken lassen und gerade deswegen hier ihre Aufgabe sehen. Kennzeichen dafür ist, daß ein Problem wirklich gelöst wird. So werden verantwortungsbewußte Menschen nicht nach Ausreden (Rationalisierungen) suchen, warum etwa eine Änderung oder eine Verbesserung heutzutage nicht zu schaffen ist, sie werden also nie die berühmten Medien und die anonyme Industriegesellschaft anführen, sondern mit Phantasie, mit Kritik an sich selbst und an anderen und mit Gottvertrauen auch noch dort Strategien für sich und andere selbst Wege dann finden, wo andere aufgeben. Jesus hat im Johannesevangelium (Kapitel 10) einen solchen verantwortlichen Menschen gekennzeichnet: Im Gegensatz zu dem feigen Mietling, der mit dem Hüten einer Schafherde nur eben sein Geld verdient und dem das Wohl der Herde im Grunde gleichgültig ist, kümmert sich der typische gute Hirt so um seine Herde, daß (notfalls) sein Leben für sie läßt, daß er sie also als seine Lebensaufgabe sieht. Und da können wir vielleicht sagen, daß jeder verantwortlich ist, der bessere Informationen hat und also weiß, wie etwas besser zu machen ist. Wie solche Modelle aussehen könnten, siehe unter Kindererziehung und Erstkommunion.

Verantwortung für andere in der Situation einer gefühlsmäßigen Zuneigung.

Ein Mensch mit Verantwortung wird auf alle Fälle nie etwas tun, was Ausnutzung ist, sein könnte oder auf Ausnutzung hinauslaufen könnte (siehe Gebrauch und/oder Mißbrauch).

So wird er vor allem nie die Gefühle eines anderen Menschen zum Anlaß für vollendete Tatsachen gleich welcher Art nehmen, solange nicht ein immerwährendes Gefährtesein ausdrücklich feststeht und auf andere Weise erprobt (etwa durch eine sinnvolle Reihenfolge) und besiegelt ist (vor allem für Christen durch das Sakrament der Ehe). Daher gilt die Zurückhaltung aus Verantwortung gerade im Hinblick auf den ersten Geschlechtsverkehr eines Mädchens, diese Zurückhaltung ist gerade ein Zeichen wirklicher Männlichkeit. Damit geht ein Mann auch gleichzeitig mindestens zwei Gefahren aus dem Weg, daß er nämlich ein Mädchen an sich bindet, das gar nicht für ihn geeignet ist und mit dem er auf Dauer doch nicht klar kommt, oder daß es ein Mädchen etwa bewußt (oder unbewußt) auf eine Schwangerschaft anlegt, um damit dann sozusagen auf sein Gefühl für Verantwortlichkeit zu spekulieren, damit er es heiratet und es damit versorgt ist (siehe reinfallen). Es soll allerdings auch Mädchen und Frauen geben, denen es gar nicht auf eine dauernde Bindung bei solchem Spiel mit dem Verantwortlichkeitsgefühl ankommt, sondern auf eine für sie profitable Ehescheidung.

Der indische Staatsmann und Reformer Gandhi ist auch hier ein schönes Vorbild!

Und etwas anderes: "Ich weiß schon, was ich tue, ich nehme für das, was ich tue, alle Verantwortung auf mich!"

Eine solche Begründung für den Geschlechtsverkehr ist typisches Kennzeichen einer Verliebtheit). Damit glauben gerade junge Leute, sich über alle moralischen Grundsätze hinwegsetzen zu können und vergessen, daß sich manche Dinge eben nicht als unverbindliches Spielzeug eignen. Die Frage ist, wie weit sie sich dabei dann doch nur dem anpassen, was jeweils (vermeintlich) allgemein üblich ist oder wozu sie eher manipuliert wurden, was sie allerdings nicht durchschauen. Und so kann die Begründung mit der Verantwortlichkeit dann nur als schwammige Ausrede (siehe auch Rationalisierung) angesehen werden, weil es keine wirklich hieb- und stichfesten weiteren Begründungen mehr gibt.

Zum Problem der Verantwortlichkeit siehe auch unter Gewissen und autonome Moral. (Wörterbuch von basisreligion)