VERGEBUNG (auch VERZEIHUNG oder VERSÖHNUNG) oder "das stillschweigende Komplott". Das geheime Motto der Rechtsanwälte lautet: „Sie können alles machen, was Sie wollen – wir verteidigen Sie!“ und entsprechend lautet das Motto wohl aller Religionen: „Sie können ebenfalls alles machen, was Sie wollen – wir verteidigen Sie vor Gott (und kümmern uns um dessen Vergebung)!“

Doch der Reihe nach! Vergebung, auch Verzeihung oder Versöhnung mit der Gottheit, gilt sehr oft als Inbegriff christlicher Erlösung. Danach hat Gott seinen Sohn in die Welt gesandt, der sich für uns am Kreuz opferte, damit uns unsere Schuld und unsere Sünden vergeben würden. Sinn und Zweck dieser Vergebung ist, daß wir uns hier auf Erden von Gott angenommen fühlen und vor allem in einem Leben nach dem Tod uns einer ewigen Gemeinschaft mit ihm erfreuen können. Und so wie Gott uns durch das Opfer seines Sohnes unsere Sünden vergibt, so sollen auch wir denen, die gegen uns schuldig geworden sind und gesündigt haben, ihre Fehlerhaftigkeit vergeben.

Vergebung durch die Gottheit ist allerdings das Angebot aller Religionen.

Nun ist einerseits die Vergebungsidee in der Geschichte der Religionen nichts Neues und nichts Besonderes, denn auch die Priester aller übrigen Religionen dieser Welt behaupten, daß sie ähnliche Gnaden der Vergebung ihrer jeweiligen Gottheiten vermitteln könnten, wenn die Gläubigen nur entsprechende Zeichen der Reue erkennen ließen oder zumindest irgendwelche Gegenleistungen erbringen. Und bisweilen gibt es sogar ähnliche Erlösungstaten in außerchristlichen Mythologien wie den Tod des Osiris bei den alten Ägyptern und seine Auferstehung. Die Predigt von der Vergebungs- und Versöhnungsbereitschaft einer Gottheit gehört sozusagen zum Repertoire aller Religionen (siehe das Grundschema), unterschiedlich sind allenfalls die Verfahrensweisen. In jedem Fall ist zu bedenken, dass die Religionen auch Wirtschaftsunternehmen sind und dass dies alles ein äußersts lukratives Geschäftsmodell ist, denn was lassen es sich die jeweiligen Gläubigen nicht immer kosten, damit sie sich der Vergebung ihrer Gottheiten sicher sind? Und das reicht eben auch bis in das Leben nach dem Tod - siehe Ablass. Das alles sollte uns nachdenklich stimmen, ob etwas derart Abstraktes wie die Vergebung der Sünden durch eine Gottheit wirklich der Inbegriff unseres christlichen Glaubens ist, kann dies wirklich die Welt besser machen oder geht es nicht eher um ein einträgliches Dauergeschäft?

Die Vergebung als Geschäftsmodell.

Bei uns in unserer heutigen Zeit ist das "Geschäft mit der Vergebung" (also etwa über Ablässe) in den Hintergrund getreten, weil die Kirchen eh ihre Einkünfte haben - dank der Kirchensteuer. In Amerika etwa sieht das noch ganz anders aus. Zum Leidwesen der Kirche habe sie bei ihrem Geschäft mit der Vergebung zudem längst Kokurrenz bekommen: Die Menschen mit Problemen gehen lieber zum Psychologen und zum Psychiater oder wenden sich anderen Religionen zu (siehe Sekten) oder flüchten sich gar in den Hedonismus und in den Drogengenuss.

Dass klassische Buch hierzu ist "Schöne neue Welt" von Aldous Huxley (das Buch gehört eigentlich zur "Allgemeinbildung"!). In dieser Welt gibt es keine Familien mehr (Ehen gibt es also nicht mehr und die Kinder werden sozusagen künstlich "erbrütet" und im Hinblick auf ihre spätere Bestimmung vorzugsweise gruppenweise "konditioniert"), ja, es gibt überhaupt keine funktionierenden menschlichen Beziehungen mehr vor allem nicht zwischen Mann und Frau und so ist der Sex ist zur Abreaktion an ständig wechselnden Partnern verkommen. Und da die Religionen überwunden sind und die Menschen sich also auch nicht mehr vor irgendwelchen Götterbildern ausheulen können, um ihre Seelen wenigstens einigermaßen zu befrieden, werden sie regelmäßig mit der Droge "Soma" versorgt, die sie dann auch so schlucken, wie etwa bei uns ein Herzkranker seine Medizin schluckt.

Na ja, von diesem Lebensmodell scheinen wir heute gar nicht mehr so weit entfernt zu sein... Doch hoffentlich verläuft auch hier die Entwicklung nicht linear, vielleicht besinnen wir uns ja einmal und kehren zwar nicht zu den Mythen der Religionen mit der Vergebung, aber doch zu einer Religion der Ethik gerade auch in den persönlichen Beziehungen, zurück.

Die Theologie der Vergebung in unserem christlichen Glauben steht auf ziemlich schwachen Beinen.

Als Argument für das angebliche Anliegen Jesu von Vergebung und Verzeihung werden vor allem die biblischen Berichte über Jesus und die Sünderin und über seine letzten Worte am Kreuz zum reuigen Sünder "Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein" angeführt. Doch geben gerade diese beiden Berichte für eine Vergebungstheologie nicht viel her. Denn abgesehen davon, daß Jesus in beiden Berichten nichts von einer Vergebung sagt, gehört nach den Untersuchungen zum geschichtlichen Jesus (siehe Kerygma) das Gespräch am Kreuz (nur bei Lukas - 23,39ff) mit großer Wahrscheinlichkeit zur Gemeindetradition, es entspricht also nicht der Wirklichkeit. Es paßt einfach zu gut, was Jesus da sagt, im Hinblick darauf, wie man sich schließlich eine Religion vorstellt! Und der Sinn des Berichts über Jesus und die Sünderin ist gewiß weniger der von Vergebung und Verzeihung, sondern der eines Angriffs auf die heuchlerische zeitgenössische Gesellschaft und ihre Entlarvung. Und so sollten wir sehr skeptisch werden, wenn Jesus jemand auf einen religiösen Allgemeinplatz einzuengen versucht.

Schließlich können auch selbst die Worte in der Wandlung der Messe, falls diese überhaupt von Jesus beim Abendmahl so gesprochen wurden, daß diese nämlich zur Vergebung der Sünden geschehe (siehe Kommunion), nach anderer Lesart auch heißen, daß es hierbei ganz allgemein um die Befreiung von den Sünden überhaupt geht.

Und solche Befreiung überhaupt von den Sünden kann doch auch nur das einzig wirkliche ehrenwerte Anliegen sein, denn eine Bitte um Vergebung hieße ja, dass Gott von uns etwas gefordert hätte, was wir gar nicht halten können, und so wäre zumindest der Hintergrund dieser Bitte also eine absolute Dreistigkeit - oder sogar eine ausgesprochene Gotteslästerung!

Abgesehen von der fragwürdigen Interpretation der Botschaft Jesu unter dem Gesichtspunkt von Vergebung und Verzeihung stellt sich uns die Frage, wie wir in der Praxis damit umgehen sollen und wie Jesus selbst damit umgegangen ist. Wie weit sollen wir etwa einem Sittlichkeitsverbrecher, also einem Mitschnacker (Kinderschänder) oder einem Vergewaltiger, vergeben? Und was soll überhaupt seine Reue vor Gott? Können wir tatsächlich und mit gutem Gewissen einem idealistischen und gläubigen jungen Menschen empfehlen, sich einem solchen Menschen so weit zu öffnen, daß er ihn schließlich auch noch zum Ehepartner nimmt? Wäre er an dem wahrscheinlichen späteren Unglück mit einem solchen Menschen schließlich nicht selbst schuld? Und wenn eine solche Ehe dann endgültig gescheitert ist und es zur Ehescheidung kommt, soll dann ein gutwilliger neuer Partner diesem Menschen so radikal vergeben, daß er ihn heiratet?

Doch gibt es nicht das "christliche Liebesgebot"?

Lassen wir uns nicht unter Druck setzen und schon gar nicht von Menschen, die im Zölibat leben und damit den Problemen einer Partnerschaft von vornherein aus dem Weg gehen. Und bedenken wir, im Grunde fällt niemand auf einen anderen herein, sondern man fällt einfach auf sich selbst herein (siehe Reinfallen), auf eine Illusion, auf ein verzerrtes Frauen- und Männerbild, auf falsche oder fehlende Vorstellungen von Partnerschaft und Liebe. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: So wie unsere jetzige Glaubens- und Moralerziehung aussieht (das Erlebnis der unbedingt notwendigen Phase der Ästhetik wird ja geradezu verpönt und ausgetrieben), lassen sich solche „verzwickten Verbindungen“ (oder auch Beziehungskisten) nun einmal nicht vermeiden, wir können also kaum von Schuld reden, vor allem nicht bei den Betroffenen, und es ist gewiß großartig, wie viele Menschen damit zurecht kommen. Wir sind hier wieder einmal in einem typischen Dilemma. Kann denn auf Dauer solche Vergeberei richtig sein, weil sie im Grunde doch jede Moral auflöst? Und zudem ist sie wohl auch nicht im Sinn eines wirklichen christlichen Glaubens - siehe auch Gespräch 6 zu diesem Problem! In Matthäus 5, 32 sagt Jesus eindeutig: "Wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen ist, begeht selbst Ehebruch." So hat Jesus auch selbst keiner der Frauen, mit denen er sich ansonsten gut verstand, die jedoch bereits mit anderen Männern Geschlechtsverkehr hatten, so weit vergeben, daß er sie schließlich selbst zur Frau genommen hat. Er hätte dies doch tun können, denn er war doch Junggeselle (siehe auch Jesus und die Sexualität). Ja, im Gegenteil, er fand überhaupt keine Entschuldigung für die Menschen, die nicht richtig gedacht und falsch gehandelt hatten, so nicht für die fünf törichten Jungfrauen, die vor der Hochzeitsfeier vergessen hatten, das Öl für ihre Lampen zu kaufen, und auch nicht für den ungetreuen Knecht, der sein Talent vergraben hatte und auch nicht für die Schriftgelehrten und Pharisäer in ihrer ganzen Heuchelei. Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn scheint also nicht nur Wunschbild von Jesus selbst zu sein, vermutlich ist der Grund dieses Gleichnisses ein völlig anderer als gemeinhin angenommen - siehe bei dem Stichwort!es also Jesus?

Und um was ging es Jesus, wenn er wirklich einmal auf die Vorstellung einer Vergebung Gottes zu sprechen kam. Gewiss ging es ihm um die Befreiung (= Erlösung) der Menschen von ihren Sünden. Doch wohl nicht von bereits geschehenen, denn mit denen muß nun einmal jeder Mensch selbst fertig werden; die Ängste in einem Menschen, die mehr oder weniger die automatischen und traumatischen Folgen von Enttäuschungen, Vergewaltigungen und anderen mehr oder weniger katastrophalen Ereignissen sind, müssen durchgestanden werden, der wichtigste Faktor der Heilung ist wahrscheinlich hier die Zeit. Irgendwann einmal findet sich vielleicht jeder Mensch irgendwie selbst mit den schlimmsten Ereignissen in seinem Leben ab, dazu kommt es einfach durch unseren Überlebenswillen, also sozusagen durch einen uns mitgegebenen Naturtrieb.

Christliche Vergebung hat etwas mit einer Aufarbeitung in Richtung Reich Gottes zu tun!

Damit kommen die üblichen eher heidnischen Aufarbeitungen, um in den Genuß einer Vergebung durch Gott zu kommen,  nicht infrage:

-     Man kann sich die Vergebung nicht von Gott erkaufen, auch nicht durch noch so tolle Stiftungen.

-     Auch Kreuzzüge und Selbstmordattentate sind keine Lösungen, um vergangene Sünden zu sühnen, schließlich kommt es hier durch das Töten von Menschen nur zu weiteren Sünden! Und man kann wohl schlecht mit neuen Sünden die alten Sünden löschen...

-     Entsagung der Freuden des Lebens durch Eintritt in ein Kloster als Sühne – was soll das?

-     Und gar nichts tun, weil wir sowieso schon durch den Tod Jesu gerechtfertigt sind (siehe Rechtfertigungslehre), ist wohl etwas billig und vor allem so bequem, dass das wohl kaum im Sinne Jesu sein dürfte…

Steckt hinter solchen Lösungen nicht vor allem auch magisches Denken: Da gibt es also einen Gott, dem man etwas opfern muss und der dann uns etwas dafür bietet? Bleibt allerdings damit nicht letztlich doch alles beim Alten? Wieso sollte sich etwas ändern? Was not tut, ist eine Aufarbeitung - und daran hätte schließlich auch ein Gott seine Freude!

Was aber, wenn keine Aufarbeitung mehr möglich ist, weil bei manchen Menschen einfach alles zu verfahren ist? Ich halte das für eine ziemlich oberflächliche Ausrede, zumindest mögen solche Menschen doch diejenigen ideell unterstützen, die aufarbeiten! Wenn in diesem Konzept auf einen Glauben an eine Vergebung verzichtet wird, dann vor allem aus dem Grund, weil die Erfahrung ist, dass solange der Glaube an eine Vergebung im Hinterkopf ist, keine wirkliche Aufarbeitung geschieht. Und es lässt sich doch etwas machen!

 

Jesu Predigt und Leben beziehen sich also viel mehr auf eine Utopie in dieser Welt, in der es von vornherein gar keine Sünden mehr gibt. Und daher muß der Bericht von Jesus und der Sünderin auf alle Fälle als Angriff auf die verkrusteten und sogar kriminellen Strukturen verstanden werden, die das Werden des Reiches Gottes unter uns Menschen zur Zeit Jesu verhinderten und auch heute immer noch nachhaltig verhindern.

Auf unsere heutige Situation bezogen, kann das nur heißen: Nachfolge Jesu! Und damit ist gar nicht einmal etwas Besonderes gemeint! Wir müssen uns schlicht und einfach vor allem um die Zukunft der nachwachsenden Generationen kümmern, da müssen wir grundsätzlich etwas anders machen!

Das Sakrament der Vergebung (Buße oder Beichte) kann von daher nur als sinnvolle Einrichtung verstanden werden, in einer Gemeinschaft immer wieder neu die Strukturen aufzuspüren und zu ändern, die das Werden des Reiches Gottes be- und verhindern. Fragen wir uns doch: Was waren bei uns die Gründe, warum wir nicht von vornherein vernünftig leben konnten? Hatte uns nicht die geeignete Information gefehlt und auch natürlich so, dass wir überhaupt begreifen konnten, um was es ging? Welcher unserer Erzieher hatte den seine Verantwortung für uns gesehen, damit wir nicht zu dem typischen "Sündigen" kamen? Wer hatte uns denn die Tipps für das Erlebnis einer Phase der Ästhetik gegeben und die Ideen von der Sollbruchstelle? Alles andere, wie etwa die Aufforderung, sich zu Gott zu bekehren und gleichzeitig die Schuldigen in den Medien oder in unserer modernen und anonymen Industriegesellschaft zu sehen, dürfte doch reiner Aktionismus sein, was alles letztlich gar nichts besser macht und keinen Teufelskreis durchbricht, sondern alles nur auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschiebt. So dürfte also auch die Aufforderung unserer heutigen Glaubensverkünder, zu vergeben und zu verzeihen, vor allem den Zweck haben, keine kritischen Fragen zu stellen, damit ja alles beim Alten bleibt. Im Sinn der Botschaft der Bibel ist das allerdings gewiß nicht! Es ist wohl in Indiz, wie sehr die Botschaft Jesu inzwischen zu einer typischen Priesterreligion verkommen ist und ein Ablenkungsmanöver von den dadurch mit verursachten pädagogischen halben Sachen und ausgesprochenen Fehlern, die uns Menschen von einem wirklichen Leben nach dem Glauben abhalten. Die Gläubigen sollen mit ihrer Hoffnung auf Vergebung davon abgelenkt werden, über ihr eigenes verfehltes Gottesreich nachzudenken und sich die Frage zu stellen, wer nun wirklich schuld an ihrem eigenen Versagen ist - und Wege zu finden, den Teufelskreislauf zu beenden. Nicht zuletzt kann mit der Tabuisierung dieser Fragen (siehe Tabu) auch bei denen, die sich ihren Nächsten gegenüber schwer tun mit Vergebung und Verzeihung, ein schlechtes Gewissen erzeugt werden. Und bedeutet nicht ein schlechtes Gewissen stets Ängste, die immer wieder woanders Macht erzeugen und stärken? Verbirgt sich also nicht sogar hinter der Forderung nach Vergebung und Verzeihung auch wieder ein Streben nach mehr Macht für eine entfremdete christliche Religion, die inzwischen mehr eine Mafia ist als eine wirkliche Lebenshilfe?

Was glauben Sie, wie schnell Sie die Vergebung Gottes spüren, wenn Sie genau diese Verdrängungen einmal aufrollen und anfangen hier etwas zu aufzuarbeiten - und wie Sie sich freuen, wenn die jungen Menschen anders leben können und Sie also sehen, dass Ihr eigenes Leid doch nicht umsonst war! Die Freude am Werden des Reiches Gottes, das ist doch etwas!

Und für diejenigen, die nun beim besten Willen in ihrem eigenen Leben noch gar nichts getan haben, was nennenswert sündhaft ist, also für Kinder, wird von unserer Theologie her der Tatbestand einer Erbsünde konstruiert. Diese ist dann auch wieder Grund genug, damit sich auch wirklich alle im Vergebungsgeschäft eingebunden fühlen.

Wirklich christliche Vergebung und Verzeihung dagegen meint eher, daß wir bei einem Versagen eines anderen Menschen uns gegenüber immer uns selbst fragen sollen, wie weit wir nicht am Ende durch unser eigenes Verschulden im weitesten Sinn (also auch durch unsere Eltern, unsere Kultur, unsere Kirche) zu dessen Versagen beigetragen haben. Daher sollen wir uns dann auch nicht zu schade sein, wenn es darum geht, aufeinander zuzugehen.

 

Varianten der Vergebung: Zu Gott führen, sich zu Gott bekehren, die Seele heilen...

Ich bin kritisiert worden, dass es der Kirche von heute doch gar nicht mehr um Vergebung ginge und es also auch kein Geschäft mit der Vergebung mehr gäbe, das sei doch alles altes Zeug.

Hierzu kann ich nur sagen, dass es solches "Vergebungsgeschäft" nicht nur in Amerika gibt, gehen Sie bei Ihrer Reise in die U.S.A. doch einmal in eine katholische Kirche und schauen Sie in eine der zum Verkauf ausliegenden Zeitschriften. Sie werden mit Sicherheit Anzeigen von irgendwelchen Orden finden, in denen für das Stiften von Messen geworben wird - für Sie selbst und vor allem für Verstorbene. Und wenn wir das heute auch milde sehen, denn irgendwie müssen Orden, die vielleicht Schulen unterhalten, ja auch leben, so ist und bleibt das letztlich doch ein "Geschäft mit der Vergebung". Ob etwa Schulorden nicht auch anders zu ihrem Geld kommen könnten, ob Eltern und andere Gläubigen nicht auch Geld stifteten, wenn die Ordensschulen einen wirklich hervorragenden Unterricht machten - im Sinne des historischen Jesus?

Und auch bei uns ist die Vergebung doch das Thema der Kirchen - wenn auch unter anderem Namen! Was meinen die Begriffe "zu Gott führen" oder "sich mit Gott versöhnen" oder "die Seele heilen" und vor allem "Bekehrung" denn anders, als dass wir nach einer menschlichen Fehlentscheidung wieder zu Gott finden, also Vergebung? Auf alle Fälle leben die Kirchen ja nicht davon, Konzepte zu entwickeln und den jungen Menschen so beizubringen, dass Fehlentscheidungen gar nicht erst geschehen, nein, das tun sie wahrlich nicht! Es geht immer nur um das Nachhinein - oder denn nicht? Und davon leben sie doch, wie sie es auch nennen! Denn wenn es um die Konzepte zur Vermeidung ginge, müsste die kirchliche Lehre völlig anders aussehen!

 

E-Mail-Diskussion (Ausschnitt) zum Thema Vergebung (Oktober 2005)

Zuerst der theologische Musiklehrer Heinz:

Natürlich lebe ich noch! Oder eben übernatürlich - Gott sei dank. Und lachen ist erst recht gesund - genau so soll es auch sein!
Für mich ist es keine (zumindest keine erwähnenswerte) Lehre, dass du oder ich natürlich gezeugt wurden, aber dass der, von dem wir (also ich und noch viele anderen) anderes glauben, auch natürlich gezeugt worden sei, das ist es zumindest das explizite ablehnen einer Lehre, eine Anti-Lehre sozusagen, was du eben lehrst.
Zur Vergebung und Aufarbeitung: Klar bin ich für Aufarbeitung, denn das befriedigt - und ganz schön. Klar bin ich für das Verwenden meines Verstandes, auf den schon Paulus (Phil 4:7), wenn auch eher beiläufig verwies und Thomas v. Aquin viel häufiger. Ja, ein Praktiker und Ethiker war der Zeltemacher Paulus bestimmt nicht. Evangelisch im ursprünglichen Sinn? Ja, das kann man wirklich sagen!
Aber was mache ich, wenn sich eine Sache nicht aufarbeiten lässt? Gibt es nicht Dinge, die ich (wenn ich es kann, diese Gnade bzw. Kraft Gottes mir geschenkt wurde) meinen Mitmenschen verzeihen muss oder wenigstens hinnehmen muss, ohne, dass ich sie bis ins Detail aufarbeiten kann? Sicher geht/ging bei der Mutter von B... ein Aufarbeitungsprozess in Gang. Doch das auf dem Balkon war eben keine langwierige aufarbeitende Psychotherapie, sondern eine Berührung mit dem "Frieden Gottes, der unseren Verstand übersteigt" (Phil 4:7).
Und Umdenken in der Kirche - das ist genauso wichtig wie Bewahrung bewährter Muster, Werte und Ansichten. Nun, wir werden sehen, wohin progressive Theologen und Cyberspacereligionslehrer (mit neuen Spitzfindigkeiten...) sowie eben der Dialog der Großkirchen mit der Welt und ihren aktuellen Belangen unsere Kirche noch hinführen - aber sie wird nicht kippen, wird nicht zu einer humanistischen Kuschel-, Umwelt-, Armenhilf-, unerlöste-Moralapostel- oder Atheistenversammlung werden, dessen bin ich mir sicher (Mt 16:18). Vorher müssen eben manche gehen, auch wenn sie sich doch eifrig Gedanken machen. Doch wie ein unerlöster Moralapostel wirkst auch du nicht auf mich. Eigentlich sogar sehr in Gott geborgen. Und das ist schön!
Und dein Anliegen, DEN (Michael P...) bzw. EINEN WICHTIGEN (Heinz H...) Kern der Botschaft Jesu herausschälen - es ist ein wichtiger Beitrag für das bereits angebrochene Reich Gottes im Hier und Jetzt, den du leistest! Und dennoch: Gott sei Dank hat Er sogar noch den Tod überwunden und gibt mir mit all meinen noch nicht aufgearbeiteten Fehlern eines Tages den Zutritt zu seinem vollkommenen Reich (möglicherweise durch ein Fegefeuer, in dem ich mit meinen Fehltaten, meinen Tätern und meinen Opfern zur Aufarbeitung konfrontiert werde?). Das heißt aber nicht, dass ich bzw. die Theologen glaubten und lehrten, dass die Vertröstung aufs Jenseits bzw. die Vergebung/Aufarbeitung DORT uns HIER die Hände in den Schoß legen ließe und die Ethik Jesu bzw. die 10 Gebote nur aus ästhetischen Gründen in der Bibel sowie den Gebets- und Schulbüchern stünden (vgl. Römer 6:15). Also, solltest auch du eine Hausaufgabe machen, nämlich die andere Seite der Botschaft Jesu des "Erlösers", die er uns nach seinem Tod mit dem Friedensgruß brachte, wieder in dein Konzept zu integrieren. Doch bei all dem möchte ich dich nicht in deinem Eifer bremsen, die Diesseits-Botschaft des "Ethikers" Jesus in immer wieder neuem Licht herauszuarbeiten und den Menschen von heute so genial zugänglich zu machen, wie du es deiner Berufung entsprechend eben tust! Möglicherweise lassen sich dann auch "die da oben" von dir inspirieren, ihre Hausaufgabe zu machen. Wer hört schon auf einen, der ständig in der Verpackung eines Ungläubigen auftritt? Na, gut- die Kleriker halt nicht. Die echten Ungläubigen lesen ja deine Site bzw. dein Buch mit Interesse und werden noch von deiner Lehre DES ETHIKERS Jesus erfolgreich inspiriert. Also muss deine Botschaft an die Kleriker "macht eure Ethik-Hausaufgabe so gut wie ich!" über Umwege gehen. Oder auch doch über deine Reli-Hausaufgabe.
Danke für das Kompliment meines optisch schönen Schemas ... nun, wenn Jesus nichts über Glauben zu sagen hatte, dann erklär mir doch mal, wo er Häuser gebaut hat? Oder nimm eine Bibel und markiere alle Stellen, die du als Wunschprojektionen von Paulus, aber auch Jakobus, Markus, Petrus, Matthäus, Lukas, Johannes...siehst. Ist es nicht ein bisschen sehr wenig, was du dann noch dem historischen Jesus selbst zutraust? Das beschränkt sich m. E. auf Häuserbauen (nirgends erwähnt), wandern, sich in die Halbwelt einmischen und denen auf dem Berg predigen (obwohl bei Markus nicht erwähnt), schließlich auf die schlagfertige Antwort in der Steinigungsszene der Ehebrecherin und den NUR DARAUF (?) folgenden Kreuzestod.
Wieso fand in deiner Bibel nach dem Herauslöschen eigentlich keine Gottesbegegnung statt, wie z. B. bei den Krankenheilungen oder auf dem hohen Berg v Mk 9:2ff? Soll die nur bei Menschen statt finden, die anschließend DEINE Homepage gefunden haben, aber nicht bei denen, die den historischen JESUS selbst kannten, geschweige denn mit ihm selbst, gerade in der Todesnacht?
Übrigens hatte die Mutter von B... nicht nur ein Kompliment für deine Ergüsse übrig, sondern am Schluss auch eine Frage: Wer hat mich da berührt, wenn es nicht der Heilige Geist war? Ihre Frage resultiert möglicherweise auch auf einem Unglaubensbekenntnis zur Dreieinigkeits-Dogmatik. Meine Antwort kennst du und kannst sie ihr gerne zusenden. Wie lautet deine eigentlich? Wenn ich an deine Jesaja-Mail von gerade eben denke, dann denke ich allerdings, du glaubst auch an so etwas wie einen Gott, der in unsere Welt inspirierend eingreifen kann, also ein Heiliger Geist oder so?

Ansonsten erfolgreiches Vorpreschen - aber eben nur manchmal, jedenfalls viel Spaß dabei und Seine Führung dabei!
 

Antwort von basisreligion:
 

Lieber Heinz!
 
Du bist eben doch eher ein Theologe - und soviel ich mir denke, allerdings kein studierter. Das hat jetzt nichts mit Arroganz tu tun, sondern ist nur eine Feststellung: Ich habe das studiert und habe vermutlich deswegen eine kritischere Einstellung. Denn theologische Konzepte haben immer etwas mit Priesterkirche zu tun und das ist heidnisch.
 
Woher ich weiß, dass Jesus Häuserbauer war, nun ich habe das unter dem Stichwort Jesus geschrieben, ich habe darauf in dem Buchprojekt ausdrücklich hingewiesen, aber Du hast das vermutlich überlesen, so wie man oft etwas nicht mitbekommt, was einem gegen den Strich geht. Und ich meine auch, dabei darauf hingewiesen zu haben, dass ich mein Konzept von einem Vorgesetzten habe.  Aber ich habe das eh gut begründet, meine ich wenigstens. Gerade habe ich unter diesem Stichwort auch die Zeitungsnotiz gebracht, die ich vorher an anderer Stelle hatte:
 

Diese Vorstellung von Jesus bestätigt auch ein Professor der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom.

Eine Meldung in der WELT vom 11. 11. 1997 berichtet:

Neue Erkenntnisse über den sozialen Status von Jesus

dpa Rom - Jesus von Nazareth war neuesten Forschungen zufolge nicht der Adoptivsohn eines armen Zimmermannes, sondern Sproß einer mittelständischen und wohlhabenden Familie. Joseph sei selbständiger Bauingenieur gewesen, Jesus selbst habe schreiben und lesen können, mehrere Sprachen gesprochen und habe vermutlich in seiner Heimat das griechische Theater besucht. Zu diesem Ergebnis kommt der Jesuit und Historiker an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, Giovanni Magnani in seinem Buch “Jesu, Erbauer und Meister”. Wie die römische Zeitung “Il Messaggero” gestern schrieb, räumt das Buch mit der bisherigen “Ideologie des religiösen Pauperismus”(Anm.: von lat. “pauper”: arm, elend) radikal auf. Wie sein Vater sei auch Jesus gelernter Bauingenieur (Geometer) gewesen und habe gemeinsam mit Joseph zeitweise eine Werkstatt in Nazareth betrieben.

 
Und warum ein einziges vernünftiges Argument alles andere über den Haufen werfen kann, habe ich in dem neuen Projekt geschrieben, vorsichtig habe ich hier "Verdreher" geschrieben und nicht "Ganoven", was eigentlich besser paßt:
 

Die Wirklichkeit dieses Häuserbauers und Wanderarbeiters Jesus von Nazareth (Näheres siehe unter dem Stichwort “Jesus” im Wörterbuch von basisreligion) war doch, dass er die Machenschaften der Machogesellschaft seiner Zeit durchschaut hatte und gegen sie wortgewaltig vorgegangen war!

Aber ist das denn nicht zu kurz gegriffen? Da gibt es doch noch mehr in der Bibel und vor allem bei Jesus?

Doch dagegen lässt sich sagen, dass es immer dasselbe Problem wie bei einem mysteriösem Kriminalfall ist, wo dem Kriminalisten alles mögliche und unmögliche Wundersame aufgetischt wird, damit er an die Version der Verdreher glauben soll. Und kann da nicht ein einziges vernünftiges Indiz alles wie bei einem Kartenhaus zusammenfallen lassen? Allerdings dürfte bei Jesus nun wirklich vieles stimmen, was so berichtet wird, aber eben ein wenig in einem anderen Licht!

Jedenfalls würde in den kriminologischen Ansatz auch das Ende Jesu und der Neuanfang hineinpassen: Als die einflussreichen Kräfte der damaligen Gesellschaft ihre Felle wegschwimmen sahen, schmiedeten sie ein Komplott (genau wie in dem Schema 2 brauchen diejenigen, die meinen, auf der Seite des Guten zu stehen, das gar nicht einmal zu durchschauen) und schafften Jesus beiseite, bevor er alles durcheinander brachte.

 
Das mit dem Herauslöschen und der Gottesbegegnung verstehe ich nicht.
 
Und von dem theologischen Konstrukt der Vergebung kommst Du nun mal nicht los, aber das ist normal, dass das nicht so schnell geht. Ich kopiere mal, allerdings auch soeben ein wenig verändert:
 
Steckt hinter solchen Lösungen nicht vor allem auch magisches Denken: Da gibt es also einen Gott, dem man etwas opfern muss und der dann uns etwas dafür bietet? Bleibt allerdings damit nicht letztlich doch alles beim Alten? Wieso sollte sich etwas ändern? Was not tut, ist eine Aufarbeitung - und daran hätte schließlich auch ein Gott seine Freude!

Was aber, wenn keine Aufarbeitung mehr möglich ist, weil bei manchen Menschen einfach alles zu verfahren ist? Ich halte das für eine ziemlich oberflächliche Ausrede, zumindest mögen solche Menschen doch diejenigen ideell unterstützen, die aufarbeiten! Wenn in diesem Konzept auf einen Glauben an eine Vergebung verzichtet wird, dann vor allem aus dem Grund, weil die Erfahrung ist, dass solange der Glaube an eine Vergebung im Hinterkopf ist, keine wirkliche Aufarbeitung geschieht. Und es lässt sich doch etwas machen!

 
Das mit dem Heiligen Geist, wie es die Mutter von N erwähnt hat, sagt überhaupt nichts im Hinblick auf eine Vergebung, und auch im Hinblick auf Gottesglauben würde ich das nicht überbewerten, das kann auch in dem gemeint sein, dass man endlich die größeren Zusammenhänge von Liebe und Partnerschaft usw. anfängt zu durchschauen und Konzepte unterstützt, die jungen Menschen dabei helfen, das rechtzeitig zu tun. (Anmerkung: Eine Leserin, "Mutter von N.", hatte von ihrem Umdenken berichtet, aber dieser Brief ist zu persönlich, als daß ich ihn ins Web stelle, doch mit einigen Internetfreunden habe ich schon darüber geredet.)
 
Und ich kaufe gerade Dir das nicht ab, dass Du das mit der christlichen Interpretation der Vergebung als Aufarbeitung begriffen hättest. Sieh mal: Die Kollegin aus Hessen nutzt ihren Unterricht zu einer radikalen Aufarbeitung - auch und gerade, wie sie auf Schüler einwirkt und dabei sprengt sie sogar ihren Rahmen als Biologielehrerin. Von Dir als Musiklehrer habe ich in dieser Hinsicht noch nichts mitgekriegt: Ich habe unter Kulturproduktion etwa geschrieben, daß wir endlich von dieser dämlichen Freimaurer-Zauberflöte loskommen sollten (dahinter steckt wirklich Machoideologie!) und eine der eher katholischen Opern Don Giovanni oder Cosi fan tutte oder Figaros Hochzeit (die sind alle gegen eine Machoideologie geschrieben!) mit den jungen Leuten besprechen sollten. Und im Zusammenhang mit Don Giovanni könntest auch Du auf die moderne Version, nämlich den Film Kids, kommen und ihn erforderlichenfalls zeigen. Was ließe sich da machen und würde den ganzen Musikunterricht lebensnäher machen und ihm nützen! Denn schließlich geht es ja in vielen Opern um dieses Thema, und auch sonst! Aber bei Dir Fehlanzeige! Du kramst nur in theologischen Konstruktionen herum! Sorry, wenn ich hier etwas deutlich werde! Die Kollegin aus Hessen ist gläubig im Sinne Jesu, Du aber nur im Sinne eines Verfalls!
 
Ansonsten: Ich habe mal gehört, dass nur 5 % von allen überlieferten Worten Jesu nur tatsächliche Worte Jesu sind. Da gab es auch mal ein Buch irgendwo im modernen Antiquariat, leider fand ich das Angebot erst zu spät, also schon alles weg war. Ich bin aber bei den 5 % großzügig, gewiß ist unter den 95 % auch vieles, was Jesus sehr wohl gesagt hat, aber in einem anderen Zusammenhang.
 
Ich habe auch die Aufstellung Macho - Nichtmacho etwas ergänzt...und darauf hingewiesen, dass "ein bißchen Macho" nicht geht wie auch nicht "ein bißchen schwanger"...
 
So jetzt höre ich erst einmal auf!
 
Ich erlaube mir allerdings, diesen Mailwechsel auch an weitere Gesprächspartner zu schicken!
 
Tschüs
 
Michael
 
Und dann noch der Kommentar zu dem Mailwechsel von Iris (siehe Stichwort Sexualerziehung). Sie ist übrigens auch die in dem Projekt www.basisglaube.de, die den Film Kids ihren Sechstklässern gezeigt hat und mit den jungen Leuten darüber redet. Und sie hat einen evangelischen Kollegen, der auch so theologisch denkt.
 

Lieber Michael,

die müsste man wirklich mal bekannt machen, unsere theologischen Freunde, die würden sich verstehen! Es wirkt alles sehr vertraut – ein bisschen geben sie dir recht, aber das wird gleich als unbedeutend abgetan, und du bist unprofessionell, wohingegen sie ihre Professionalität mit irgendwelchen mehr oder weniger passenden Bibelzitaten zu belegen glauben, und zwischendurch ein bisschen Polemik, und vor allem: Sie tun zwar so, als sei ihnen der Unterschied zwischen dem historischen Jesus und dem kerygmatischen selbstverständlich, aber in Wirklichkeit glauben sie doch, es ist dasselbe. Zumindest bringen sie es dauernd durcheinander! Dass es ein „bisschen sehr wenig“ ist, was für den historischen Jesus noch übrig bleibt, kann man ja mit einer relativ flüchtigen Internetrecherche leicht heraus finden (wenn man sich auf die seriösen Quellen beschränkt), aber mein Freund hat das auch mir überlassen, weil er es sowieso nicht glauben wollte. – Vergebung, das Thema hatten wir auch schon mal, aber für mich persönlich ist das eigentlich nicht so relevant. Ob mir vergeben wird oder nicht, was macht das aus, wenn es mir schlecht geht, wegen etwas, was ich nicht mehr ändern kann? Ist natürlich nett, wenn nicht auch noch jemand anders mir das nachträgt, sei es nun ein Mensch oder Gott, aber schlimm ist es doch für mich. Überhaupt, damit etwas vergeben werden kann, muss man doch erst mal zugeben, dass es Scheiße war, was da gelaufen ist. Das ist aber doch Aufarbeitung, zumindest der Anfang. Heißt es nicht auch bei den Christen, man müsste wirklich bereuen, damit einem vergeben wird? Das ist doch dieses Zugeben. Wenn schon, dann wäre Vergebung die Folge davon, nicht der Ersatz dafür. Und Aufarbeiten in dem Sinne, dass nachher alles wieder ganz ist, das gibt es ja wohl sowieso nicht. „Vergebung“ ist da auch keine Alternative, auch wenn es sich so anhört – schön wär’s! Wer an so was glauben kann, der ist so gut im Verdrängen, dass er auch ohne „Vergebung“ auskommt. Oh, jetzt würde er sich wieder aufregen, mein theologischer Freund, weil ich das alles viel zu pragmatisch und selbstbezogen sehe und gar nicht offen für wirkliche Gotteserfahrung bin! Und überhaupt alles missverstanden habe. Oder so ähnlich. Aber man kann was von ihnen lernen, unbestritten.

Und dazu die Mutter von N., der ich diese drei Mails auch zugeschickt habe:

Sie schrieben Ihrem Freund, daß man 'leicht überliest, was einem quer kommt'. Und auch wenn ich enttäusche, (das passiert), stimme ich dem 'theologisch versifften Musiklehrer' zu. Mein Balkonerlebnis, wie er es genannt hat, war für mich ein oder DAS Gotteserlebnis. Und wie ich in meiner Mail seinerzeit schrieb: Es hört nicht auf. Es ist seither immer da. Und wie auch Ihr Freund erwähnte, haben Sie auch meine Frage, nach dem 'was ist da mit mir passiert' lange überlesen, bis ich Sie das dritte Mal deshalb angeschrieben habe. Manchmal will 'man' einfach  nicht von dem abrücken, von dem man so fest überzeugt ist.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ihre Recherche und Argumente zu Jesus finde ich hochspannend und in vielem schlüssig nachvollziehbar. Vor allem Ihre Intention, eine 'neue' Moral insbesondere bei jungen Menschen zu entwickeln, finde ich sehr löblich und unterstützenswert. Mit einem Lächeln würde ich sogar behaupten, daß das, was Sie tun, sicher auch für Gott führenswert ist...
Manchmal gibt es eben auch irrationale, unerklärliche Begebenheiten, die nicht 2000 Jahre zurückliegen und scheinbar widerlegbar sind, denen man Glauben schenkt, oder eben nicht. Ich kann Ihnen nicht erklären, was da genau passiert ist, und Gott zu erklären, fällt mir sicher genau so schwer, wie jedem anderen Menschen. Es war ein inneres und  äußeres Erlebnis....

Kommentar von basisreligion: Ich breche hier die ergreifende Mail erst einmal ab, bevor nicht die "Mutter von N." signalisiert hat, daß ich mehr bringen kann... Ich möchte aber doch auf das Stichwort Gotteserfahrung hinweisen!

Wörterbuch von basisreligion und basisdrama) Computer-Übersetzung des Buchs HONESTY AND FUN WITH THE MORALITY ins Englische unter English !